Unterschiede
Felix Hau macht sich der "Frage nach den Unterschieden" auf die Spur
Eigentlich sind ja zwei Dinge von Interesse:
1. Haben Waldorfschüler Gemeinsamkeiten, die sie von Schülern anderer Schulen unterscheiden - auch und vor allem über die Schulzeit hinaus dauernde; wenn ja: welche sind das? (Sergio Terelle)
2. Kann man Waldorfschüler ohne diesbezügliche Vorabinformation als solche identifizieren; wenn ja: wie, bzw. wodurch? (Jost Wagner)
Es versteht sich von selbst, daß wir bei der Beantwortung beider Fragen rein äußerliche ãKennzeichen", die vielleicht - eingebildet oder tatsächlich - bei Waldorfschülern gehäuft auftreten (Seidengewänder, Eurythmieschuh- und Flötenbeutel, Selbstgestricktes, Birckenstock-Sandalen ;-) ) nicht berücksichtigen, sondern davon ausgehen sollten, daß uns ãnormale", flott gewandete, angesagte Musik hörende Menschen mit oder ohne Farbe in Haar und Gesicht, motorisiert oder per pedes, gepierct oder nicht gegenüberstehen, die auch mal (nie oder ausschließlich) Comics lesen, öfter (ständig oder gar nicht) in Kneipen und Discos rumhängen, manchmal (...) rauchen, kiffen und andere schöne Dinge genießen, den sexuellen Fleischeslüsten in bewußter Art und gegengeschlechtlich begegnen oder - ihnen gänzlich und in allen Variationen verfallen - kaum Zeit für anderes haben, Menschen, die Berufungen nachgehen oder schlichten Berufen, die hauptsächlich Fastfood konsumieren oder am liebsten Gerste mit Schwarzwurzeln essen. Solcherlei Merkmalsausprägungen sollten keine Rolle spielen, wenn wir uns fragen: War dieser Mensch, den wir vor uns sehen, Waldorfschüler?
Oder sollten sie doch? Sind Gemeinsamkeiten hinsichtlich genau dieser (und anderer) Verhaltensweisen das Spezifische an Waldorfschülern? Nach welcher Art Unterschied ist eigentlich gefragt?
Wenn man Sergios Beitrag liest, denkt man eher über eventuell unterschiedliche Denkungsarten nach - oder an differierende Sichtweisen des Lebens; die Anmerkung von Jost ist weiter gefaßt: Es kann alles mögliche sein, das einen Waldorfschüler als solchen erkennbar macht.
Wer sich bei der obenstehenden Aufzählung der "Äußerlichkeiten" dabei ertappt, zu denken: Genau sowas macht ein Waldorfschüler eben nicht (oder gerade), ist hinsichtlich der Erforschung des spezifisch Waldorflichen in Sergios Sinne, das als eventuelle (positive?) Frucht des Schulbesuchs in der Persönlichkeit reift, auf dem falschen Dampfer.
Dort wird er mich treffen. Ich glaube zwar auch, daß Waldorfschüler im allgemeinen erfindungsreicher an das Leben herangehen als Schüler staatlicher Regelschulen und die herrschende öffentliche Meinung und bestehende Verhältnisse eher kritisch hinterfragen. Allerdings spricht dieser eben geäußerte Satz für sich: Ich glaube (Belege habe ich nur wenige...) lediglich, daß dies im allgemeinen (...und dafür gar keine) so ist.
Wenn ich jetzt näher darüber nachdenke, mutmaße ich, daß die Verteilung von sogenannter "Intelligenz", von Erfindungsreichtum, Lebensfreude und Willen zur Tat in der Gruppe der "Waldorf-Absolventen" nicht signifikant anders ist, als in der Gruppe der "Regelschul-Absolventen"; die Unterschiede hinsichtlich des Vorhandenseins der genannten Eigenschaften dürften innerhalb der "Waldorfgemeinde" (also zwischen einzelnen ehemaligen Waldorfschülern) und innerhalb der "Regelgemeinde" (also zwischen einzelnen ehemaligen Regelschülern) jeweils größer sein als sie es zwischen den beiden Absolventengruppen im ganzen sind.
Gibt es also keine Unterschiede zwischen "dem Waldorfschüler" und "dem Staatsschüler"?
Mir fällt der Anfang eines Spruchs ein, der im Religionsunterricht der Christengemeinschaft an der Waldorfschule Bielefeld zumindest eine zeitlang Motto war (Freunde berichteten :-) ):
Suchet das wirklich praktische materielle Leben.
Aber suchet es so, daß es Euch nicht betäubt
über den Geist, der in ihm wirksam ist. (...)
Erwerben Waldorfschüler diese Fähigkeit? Ist das der Unterschied?
Noch suchend,
Felix
veröffentlicht seit 24. November 1997