Sergio Terelle wirft einen Blick zurück auf seine Waldorfschulzeit

Im Anschluß dazu: REAKTIONEN...


Ich frage in letzter Zeit viel nach den Unterschieden

Folgende Überlegungen, Behauptungen und geschilderten Wahrnehmungen werden subjektiv sein. Ich habe sowohl Waldorfschule, als auch staatliche Schulen erlebt. Zur 9. Klasse wechselte ich auf die Frankfurter Waldorfschule. Davor hatte ich das Ricarda-Huch-Gymnasium in Dreieich besucht. Ich werde im folgenden aus meinen persönlichen Erfahrungen mit diesen beiden Schulen schöpfen. Seit Schulabschluß im Jahre 1993 habe ich mich außerdem immer wieder auch theoretisch mit Anthroposophie auseinandergesetzt. Zur Zeit besuche ich die anthroposophische Kunsthochschule Ottersberg.

Ich beobachte an mir, daß ich mich immer wieder gerne in "Anthro-Kreisen" bewege. Wenn ich ehemalige Waldorfschüler treffe, ist oft gleich ein "Draht" da. Wir verstehen uns. Ich meine, Unterschiede zwischen Waldorf- und "Staatsschülern" feststellen zu können. Ich frage in letzter Zeit viel nach den Unterschieden. Worin unterscheiden sich die Ziele der Waldorfpädagogik von den Zielen des herkömmlichen Schulsystems? Inwieweit werden andere Werte vermittelt? Inwieweit unterscheiden sich die Interessen, die Ziele und das Lebensgefühl derer, die dann, nach absolvierter Schulzeit, die Waldorf- bzw. staatliche Schule verlassen?

An Waldorfschulen wird neben Wissensvermittlung viel Wert auf Persönlichkeitsentwicklung und sozialen Umgang untereinander gelegt. Der Lehrer bemüht sich, auf jeden Schüler individuell einzugehen. Klassisches Beispiel ist die Leistungsbewertung: keine Noten, sondern schriftliche Beurteilungen, die sich direkt am jeweiligen Schüler orientieren. Die erbrachte Leistung wird damit nicht objektiv bewertet, sondern in Bezug zu den Möglichkeiten des Schülers gesetzt. Ich habe auf der Waldorfschule vor allem gelernt, Interesse zu entwickeln, denn das ist die Basis und das Mittel, womit gelernt wird. Das Ideal sieht vor, dem Schüler ohne jeglichen Druck Unterrichtsstoff zu vermitteln. Der Lehrer bemüht sich, jeden einzelnen Schüler zu erreichen.

Ich habe gelernt, mich Dingen hinzuwenden, mich zu öffnen, wahrzunehmen, und mir eigene Gedanken zu machen. Diese Gedanken wurden erst einmal grundsätzlich respektiert. War der Lehrer anderer Ansicht, habe ich dadurch gelernt, unterschiedliche Blickrichtungen zu entwickeln. Jetzt ist Wissen aber doch eigentlich keine Ansichtssache! - Das stimmt. Ich glaube, daß Waldorfschüler viel angeregt werden, selbst zu erkennen, und ich kann bestätigen, daß ich viele "Aha-Erlebnisse" hatte, und daß ich Wissen oft nur dann akzeptierte, wenn ich die Schritte dorthin nachvollziehen konnte. Nicht umsonst werden an Waldorfschulen viele verschiedene Praktika durchgeführt. Das ist im Grunde alles gut.

Trotzdem wird oft behauptet, daß Waldorfschüler weltfremd erzogen würden, daß sie in einer künstlichen, behüteten Welt aufwüchsen, und später das böse Erwachen erlebten. Später seien eben konkrete Leistungen zu erbringen! Da nehme keiner Rücksicht auf deine momentane Verfassung und deine damit einhergehenden, momentanen Möglichkeiten. Und außerdem sei da knallhartes Wissen gefragt und nicht: Na, was meinst du? Wie fühlt sich das an?... -

Was ist dran an diesen Argumenten?

Ich beobachte an mir, daß mir oft die notwendigen Begriffe fehlen. Das erzeugt Unsicherheit. Ich erinnere mich, daß einige meiner neuen Mitschüler damals, in der 9. Klasse, noch von "weniger" statt von "minus" - geschweige denn von "subtrahieren" - sprachen. Dadurch, daß Medien an Waldorfschulen weitgehend außen vor gelassen werden, ist man im Unterricht auch mit wenig wissenschaftlichen Begriffen konfrontiert. Da Wissensvermittlung von Mensch zu Mensch stattfinden sollte, wird selbst der Gebrauch von Schulbüchern möglichst vermieden. Es ist mir die Frage, ob nicht auch an Waldorfschulen wissenschaftlicher gearbeitet werden sollte. Wenn ein Waldorfschüler nach absolvierter Schulzeit noch von "weniger" spricht, statt von "subtrahieren", dann weiß er nicht weniger als der, der die Fachausdrücke kennt, aber sein Wissen wird erheblich weniger respektiert, und auch er selbst kann bald dazu kommen, an seinem Fachwissen zu zweifeln. Dies ist jetzt ein extremes Beispiel, aber ich denke, es ist klar, auf welche Problematik ich damit aufmerksam machen möchte.

Eine weitere Problematik sehe ich in der Tatsache, daß der Waldorfpädagogik eine Weltanschauung zugrunde liegt, die - ich sage jetzt einmal - weiter geht als die allgemein übliche. Die Anthroposophie hat konkrete Vorstellungen von der seelisch-geistigen Welt. Diese Vorstellungen fließen in die Pädagogik ein. Ich habe allmorgendlich mit meiner Klasse den Waldorfschuloberstufenmorgenspruch "Ich schaue in die Welt..." gesprochen. Es hat mir Spaß gemacht. Nach neun Jahren staatlicher Schulzeit war ich empfänglich für jede gemeinsame Aktivität. Gemeinsam Gedichte sprechen! Ich fühlte mich wohl. In diesem Morgenspruch ist von mir die Rede, von der Welt, von den Steinen, Pflanzen, Tieren, von der Sonne und den Sternen. dieser Spruch faszinierte mich durch seinen allesumfassenden Inhalt. Heute weiß ich, daß dieser Spruch sehr dicht anthroposophische Weltanschauung beinhaltet. Meine Weltanschauung ist davon geprägt. Vier Jahre lang habe ich davon gesprochen, was ich in der Welt sehe. Ich erinnere noch einmal an den Anfang des Spruches: "Ich schaue in die Welt, in der..."

Ich habe mich an der Waldorfschule unbewußt mit Esoterik befaßt. Begriffe wie "Geist", "Seele", "Kosmos" sind mir nicht nur durch eben erwähnten Morgenspruch nahegebracht worden. Künstlerische Betätigung spielt an Waldorfschulen eine große Rolle. Auch sie hat sicher ihren Teil dazu beigetragen, mich mit seelisch-geistigen Inhalten zu konfrontieren. Kunst grenzt an das "Übersinnliche".

An dieser Stelle sei auf die Eurythmie aufmerksam gemacht. Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die an Waldorfschulen 12 Jahre hindurch unterrichtet wird. Eurythmie versucht, Seelengesten sichtbar zu machen. Seelengesten, die entstehen, wenn ich spreche bzw. Musik ausgesetzt bin. Diese Kunst setzt meines Erachtens stark eine seelisch-geistige Realität voraus. Ich habe mich in meiner Waldorfschulzeit mit dieser Realität mehr oder weniger bewußt auseinandergesetzt und jetzt läßt sie sich für mein Leben nicht mehr wegdenken, wohingegen sich viele andere Menschen noch nie Gedanken in diese Richtung gemacht haben. Ich erlebe mich in einer Welt, in der jene seelisch-geistige Realität unentwegt präsent ist. Meine Erlebnisse beziehen sich darauf, und wenn ich mich verstanden fühlen möchte, bin ich vielmals auf "Anthro-Kreise" angewiesen.

Damit wäre ich wieder bei einer meiner anfänglichen Feststellungen. Ich hoffe, ich habe einige meiner Erfahrungen mit Waldorfpädagogik deutlich machen können. Viele Fragen bleiben für mich selbst offen. Ich erbitte Stellungnahme zu meinen Äußerungen. Gibt es ähnliche oder ganz andere Erfahrungen?

veröffentlicht seit Mai 1997

Sergio Terelle, geboren 1973, Grundschule, Förderstufe, 3 Jahre auf dem Ricarda-Huch-Gymnasium Dreieich, 5 Jahre Freie Waldorfschule Frankfurt, Abitur, anschließend 1 FSJ in sozialtherapeutischer Einrichtung (Gemeinschaft Altenschlirf), Schauspielstudienjahr am Forum Kreuzberg (Berlin), seit Herbst 1996 Studium der Schauspieltherapie an der Kunsthochschule Ottersberg.

 

Zu Sergio Terelles Beitrag: Thorsten Simons REAKTION

Hallo,

ich als ehemaliger "leidender Regelschüler" und heutiger Vater von drei Söhnen, die ganz am Anfang ihrer Waldorf-Zeit stehen, wünsche mir, daß meine Kinder (auch) die von Sergio aufgezeigten Erfahrungen (und weitere) machen dürfen. Ich wünsche mir, daß sie offen sind für Gedanken, die ich nie zu denken gelernt habe.

Allein das Vermögen, (nach-) z u d e n k en ist so unendlich viel wert - und das rechtfertigt auch eine Reihe von Zweifeln...

Thorsten Simons

veröffentlicht seit 10. November 1997

 

Zu Sergio Terelles Beitrag: Stefanie Wagners REAKTION

Viele Beobachtungen, die Sergio in seinem Beitrag anspricht, habe ich auch gemacht.Bei mir kommt hinzu, daß ich meine gesamte Schulzeit, also 12 Jahre, auf der Waldorfschule verbracht habe.Aber ich kann überhaupt nicht sagen, wie jetzt vielleicht zu vermuten wäre, daß ich weltfremd bin und im Umgang mit der "Außenwelt" ein böses Erwachen erlebt hätte. Denn, zumindest war das bei uns so, wenn die Zeit dafür reif ist, bekommen Waldorfschüler ganz natürlich mit, daß es keine Zwerge und Elfen real gibt, das es "subtrahieren" und nicht "weniger" heißt etc. Aber eine Zeit lang brauchen sie, und im Grunde alle Kinder, auch die Geborgenheit einer einfachen, von Phantasie belebten Welt. Sind sie diesem Alter entwachsen, können sie ganz natürlich mit Realitäten umgehen und dabei, wenn sie es wollen, den Kontakt zu und das Bewußtsein von spirituellen Ebenen behalten.

Und im Gegensatz zu vielen anderen jungen Menschen sind Waldorfschüler meist in der Lage, selbständig zu Erkenntnissen zu kommen, da sie ihr Denken über Jahre geschult haben. Das zeigen für mich z.B. ganz deutlich die Jahresarbeiten, bei denen ich als ehemalige Schülerin immer wieder staune, mit welcher Reife sie geschrieben wurden. Auch ich persönlich mache noch Jahre nach meiner Waldorf-Zeit immer wieder die Erfahrung, daß ich in meinem Denken sehr selbständig bin und mich auch mit einem Thema (z.B. im Studium) gut selbständig auseinandersetzen kann.

Mein Fazit, das ich in der Rückschau ziehe, ist also: gerade der Umgang mit spirituellen Ebenen vor allem in der Kinderzeit, wo Kinder eine solche Geborgenheit spendende überschaubare Welt brauchen, führt später, in der Weiterentwicklung, zum freien Denken.

Ich würde mich über Reaktionen, auch kontroverse, sehr freuen!

Stefanie Wagner

veröffentlicht seit 19. April 1998

 
Stefanie Wagner wurde 1974 in Hagen geboren und hat einen normalen, evangelischen Kindergarten in Düsseldorf besucht. 1980 wurde sie in die Freie Waldorfschule Düsseldorf eingeschult, die sie bis Juni 1992 besucht hat. Danach hat Stefanie eine Ausbildung zur Erzieherin und die Fachhochschulreife an einer Kollegschule gemacht. Seit Oktober 1995 studiert sie Sozialarbeit an der Fachhochschule Düsseldorf.

Zu Sergio Terelles Beitrag: Wolfgang Rakers REAKTION

Hallo,

ich (44) bin beeindruckt von der Art und Weise, wie hier über ganz persönliche Erfahrungen berichtet wird. Tief im Herzen beneide ich Menschen,die eine Waldorfschule besuchen durften. Ich habe vor ,Waldorflehrer zu werden;bin schon einer,allerdings ohne Anstellung.

Was denkt Ihr darüber? Tips?! Ratschläge?!

Rakers@gmx.de

veröffentlicht seit 3. Februar 2000

Zu Thorsten Simons Beitrag: Anja-Katharina Gebauers REAKTION

Dieser Beitrag ruft sofort eine Erinnerung wach: Mein Vater sitzt bei einer der zahlreichen Veranstaltungen seiner 4 Kinder in der Waldorfschule voller Rührung über die Darbietungen und wir mußten darüber lächeln.Warum fand er denn die Monatsfeier so besonders? Ist doch immer so!

Heute bin ich dafür dankbar, daß meine Eltern eine solche Begeisterung für diese Waldorfidee entwickeln konnten, mit allen Anforderungen die damit verbunden sind, obwohl sie "ja (k)eine Ahnung" hatten.  In diesem Zusammenhang wünsche ich mir jedoch, eine Sensibilisierung der Eltern dafür, daß eine starke Idealisierung der Schule von ihrer Seite aus für die Kindern nicht schwierig wird, die sich genauso über Lehrer oder Unterrichte beschweren, wie sie  andererseits begeistert sind - für die diese Schule aber ersteinmal ihre normale Welt darstellt und nicht "das Besondere".

Probleme der Kinder mit der Schule und in der Schule relativieren sich möglicherweise für die Eltern, die aufgrund ihrer Schulerfahrungen urteilen, sodaß gewisse Bereiche nicht angesprochen werden.

Glücklicherweise gibt es in der Regel ein Menge Gelegenheiten zum Dialog zwischen Lehrern und Eltern. Wie sehr sich diese mit den Schülern beschäftigen, werden sich Waldorfschüler oft erst viel später bewußt: Weihnachtsmarkt in Stuttgart,1998. Nach 16 Jahren begegne ich zufällig einem Lehrer, der mich nicht ein einziges Mal persönlich unterrichtet hat. Ich erkenne ihn erst nicht - er grüßt mich.

Fest steht, die Waldorfschulzeit bietet viele Gelegenheiten zum Nachdenken: auch Jahre danach!

Anja-Katharina Gebauer

veröffentlicht seit 3. Februar 2000