Anthroposophie in der Waldorfpädagogik

Prägung

Manfred Hoß' kritische Frage nach anthroposophischer Prägung durch Waldorfpädagogik

Im Anschluß die REAKTION von Christian Grauer

 

Ich möchte auf einen Aspekt eingehen, der meiner Ansicht nach bei der bisherigen Diskussion bislang (dieser Text wurde am 18.10.97 veröffentlicht; Anm. d. Red.) zu kurz kam und zwar die Prägung der Schüler der Waldorfschulen im speziellen durch die Lehrer.

Wenn im folgenden Text immer die männliche Form des Berufes steht, dann bitte ich die Frauen, dies zu verzeihen. Sie sind ebenfalls gemeint.

Meiner Ansicht nach, ohne daß ich, das will ich vorausschicken, es literarisch belegen könnte, werden Waldorfschüler stärker durch die Lehrer geprägt, als es an staatlichen Schulen der Fall ist.

Warum soll das so sein? werden einige Fragen. An Waldorfschulen, das sollte bekannt sein, ist die Bezahlung der Lehrer schlechter als an staatlichen Schulen. Der Grund dafür ist nicht unbedingt bekannt. Waldorfschulen erhalten, wie alle anderen alternativen Schulen, eine staatliche Förderung von Seiten des Bundeslandes, die etwa 80 % des Etats der Waldorfschulen ausmacht (die Zahl ist vom Februar dieses Jahres). Nur für die Eurythmie-Lehrer gibt es keine Gelder, da den Beamten der Ministerien für Bildung der Sinn des Eurythmie-Unterrichts nicht klar ist - vielen Waldorfschülern offensichtlich auch nicht, wie man immer wieder hört und liest. Die übrigen Lehrer an der Waldorfschule verzichten nun - wie freiwillig auch immer - auf einen Teil ihres Gehalts, damit die Eurythmie-Lehrer auch bezahlt werden können. Wer also an einer Waldorfschule als Lehrer arbeitet, tut es in aller Regel aus Überzeugung, ob er nun Anthroposoph ist oder nicht. Dazu kommt aber, daß jeder Lehrer einer Waldorfschule zuvor eine "Zusatzausbildung" machen muß, die ihnen das anthroposophisch-pädagogische Konzept näherbringt. Somit unterrichten also alle Lehrer (Religionslehrer, die von der Kirche geschickt werden, nicht) mit dem Wissen um den anthroposophischen Hintergrund, ob sie selbst daran glauben oder nicht. Anthroposophische Lehrer unterrichten sicherlich aus Überzeugung heraus, den "Wiederverkörperten" geistig zu helfen. Steiner selbst sah im Unterricht einen Gottesdienst.

Daß Schüler generell durch Personen, mit denen sie tagtäglich Kontakt haben, geprägt werden, ist wohl unstreitig. Wieviel mehr wird dann der Schüler einer Waldorfschule, der in den ersten sieben Jahren einen Lehrer hat oder haben soll, durch diesen geprägt? Sicherlich ungleich stärker. Ist dieser Anthroposoph, so werden die Schüler, wenn es ihnen auch nicht bewußt ist, möglicherweise noch mit anthroposophischem Gedankengut konfrontiert, was ihnen nicht bewußt ist und gegen das sie sich auch nicht wehren können. An einer Staatsschule hingegen hat man von Beginn der Schulzeit an verschiedene Lehrer. Diese sind selbstverständlich nicht frei von Weltanschuungen, doch werden sich die Weltanschauungen verschiedener Lehrer seltener entsprechen, als es an Waldorfschulen der Fall ist.

Dazu kommt, daß an der Waldorfschule nicht Anthroposophie unterrichtet werden soll, aber durchaus anthroposophische Ansichten des Lehrers in den Unterricht einfließen können. Meine Schwägerin hat die Überzeugung, daß die Kinder ihre Eltern aussuchen und weiß, daß sie diese nur von der Waldorfschule haben kann. Ironischerweise ist es ebenfalls die Waldorfschule Mannheim, die sie besucht hat. Welcher Lehrer sie beeinflußt hat weiß ich leider nicht.

Eltern fällt es schwerer, solchen Einflüsse, sollten sie unerwünscht sein, zu begegnen, da es keine Bücher gibt aus denen unterrichtet wird und in denen man nachlesen kann, was gelehrt wird. Daß diese anthroposophischen Gedanken von zumindest einem Teil der Kinder übernommen wird, dafür ist meine Schwägerin der beste Beweis. Die Lehrer einer Waldorfschule können sagen, daß an der Schule keine anthroposophische Weltanschauung gelehrt wird, denn es steht nicht auf dem Lehrplan, ausschließen können sie es aber auch nicht mit letzter Sicherheit, sonst müßte in jeder Stunde ein Aufpasser mit im Raum sitzen und den Lehrer beizeiten stoppen. Da dies nicht der Fall sein kann muß es wohl den Eltern überlassen sein, ob sie im Fall einer unerwünschten Beeinflussung Konsequenzen ziehen oder nicht.

Damit keine Mißverständnisse auftreten: Anthroposophie steht nicht (!) auf dem Lehrplan und wird wirklich nicht gelehrt, doch können durchaus Aspekte, die gerade von Anthroposophen geglaubt werden, in den Unterricht einfließen und hierbei die Kinder beeinflussen.

Auf weitere Diskussionsbeiträge freue ich mich.

Manfred Hoß, Stuttgart.

veröffentlicht seit 18. Oktober 1997

 

Der (Alp-)Traum von der antiseptischen Pädagogik

Christian Grauers Reaktion auf Manfred Hoß' kritische Frage nach anthroposophischer Prägung durch Waldorfpädagogik

Selbstverständlich werden die Schüler einer Waldorfschule von ihren Lehrern geprägt. Auch Staatsschüler werden von ihren Lehrern geprägt. Das ist Sinn und Zweck des Lehrens. Das ganze Leben ist mithin eine einzige Prägerei, ein Kommen und Gehen von Vorbildern und Beeinflussern. Die Frage ist doch nicht, ob mein Kind in der Schule von den Lehrern geprägt wird, sondern die Frage ist doch: von wem will ich meine Kinder geprägt wissen? Die Ansicht, Staatsschüler würden weniger geprägt, beruht auf dem Irrtum, daß das Normale, also das statistisch Häufigere ganz selbstverständlich auch als das qualitativ Neutrale angesehen wird und somit zum Maßstab der Bewertung wird.

Wirklich objektiv betrachtet ist aber das, was in der Statsschule "geprägt" wird nicht mehr und nicht weniger ein unhintergehbares, letzlich subjektives und wissenschaftlich nur bedingt verifizierbares Weltbild, wie jenes der Waldorfschulen. Es möge mir doch einmal jemand wirklich eigenhändig und hinlänglich auch nur einige der fundamentalen Grundsätze der sog. modernen, konventionell-physikalischen Weltanschauung beweisen, ohne das physikalische Weltbild schon selbst als Vorraussetzung zu nehmen. Und mir scheint die unreflektierte Hinnahme eines Weltbildes hier bei dem durchschnittlichen Staatsschüler durchaus größer zu sein, als beim durchschnittlichen Waldorfschüler; nicht zuletzt deswegen, weil jener durch die "Normalität" seines Weltbildes von außen nie zur Rechtfertigung seiner Weltanschauung genötigt wird, dieser aber aufgrund der Sonderstellung, die er zwangsläufig einnimt, sein, bzw. das Weltbild, das seiner Schule zugrunde liegt, immer wieder zu hinterfragen  angehalten ist. Wie dem auch sei, ist die Frage, die man sich stellen muß, nicht die: welches Schulsystem ist mit seinem Weltbild das bessere (und also jenes, zugunsten dessen alle anderen ausgerottet werden sollen), sondern die richtige Frage ist die: welches Schulsystem will ich für mich (und meine Kinder)? Und soll mein Nachbar notwendig dasselbe wollen müssen, wie ich? Demnächst könnte man auch die individuelle Elternschaft abschaffen und durch eine staatliche Einheitseltern-Behörde ersetzen, die alle Kinder identisch und computergesteuert erzieht, nach Methoden, die durch Zufallsegeratoren ermittelt werden, damit eine irgendwie geartete "Tendenz"von vorneherein ausgeschlossen wird. Noch wirkungsvoller wäre es, per Genmanipulation die Ausbildung des Kleinhirns komplett zu verhindern, damit so etwas wie eine Weltanschauung erst gar nicht mehr entstehen kann...

Christian Grauer

veröffentlicht seit 2. Mai 1998