Fußball an der Waldorfschule
Andreas Stieper sucht nach der Antwort auf die Frage: warum soll mein Kleiner nicht kicken? Gleichzeitig fragt er nach Erfahrungen, praktischen Ratschlägen, und "netten, witzigen, grausamen Erlebnissen" zum Thema. Das Thema scheint zu beschäftigen, denn im Anschluß an seinen Text häufen sich bereits die Antworten.
Ein Anliegen an alle ehemaligen und noch aktiven Waldorfschüler. Es geht um die alte, allseits beliebte Frage nach Fußball an der Waldorfschule. Lange stellte sich diese Frage nicht mehr, aber heute will mein Sohn kicken (und das auch noch im Verein) und auch er geht auf eine Waldorfschule. Die Antworten, die ich in meiner Schulzeit zum Thema erhielt waren allesamt untauglich mich von meiner Fußballbegeisterung abzubringen. Welchen Weg würdet Ihr wählen, zwischen dem Bedürfnis des Kindes und den Ansprüchen der Schule? Außerdem interessieren mich alle Eure netten, witzigen, grausamen Erlebnisse die Ihr an Eurer Waldorfschule zum Thema hattet. Auf dem nächsten Elternabend der zweiten Klasse werde ich dann die Highlights zum Besten geben. Danke im Voraus für Eure Antworten.
Gruß Andreas
veröffentlicht seit 3. Februar 1999
Fußball an der Waldorfschule (1)
Martin Wapenhensch, ehemaliger Waldorfschüler, gewinnt dem Fußball nichts Verwerfliches ab: "Die Lehrer sollen froh sein, daß der Junge einen Mannschaftssport betreiben möchte, wo er sich in eine Gruppe integrieren lernt, wo er keine Egotrips abziehen kann und wo er durch körperliche Ertüchtigung von Langeweile, Fernsehen, Computern und Drogen ... abgehalten wird."
Hallo,
vor 9 Jahren war meine 13jährige Waldorfschulzeit in Hamburg-Bergstedt vorbei. Wir haben damals - so in der Zeit um die 7. Klasse - auf einer etwas abgelegenen Ecke des Pausenhofes jede Minute genutzt, um dort mit Tennisbällen oder Coladosen (waren das wirklich Coladosen..?) Fußball zu spielen. Wenn Lehrer uns das verboten oder die Objekte der Lust abnahmen, haben wir am nächsten Tag wieder weitergemacht. Jeden Samstag haben wir uns nach der Schule stundenlang auf dem Bolzplatz ausgetobt, bis im Fernsehen (!) Sportschau kam...Mein Bruder war (und ist immernoch) sogar in einem Fußballverein. Das hat die Lehrer natürlich nicht gefreut. Aber er ist trotzdem ein vernünftiger Mensch geworden. Auf einer Klassenreise auf die Insel Hallig Hooge in der 10. Klasse haben wir dann mit der Klasse ein Fußballmatch gegen die Inseljugend gemacht und keiner hat so engagiert mitgekickt wie unser Klassenlehrer!
Meine Meinung zu dem Kleinen, der jetzt kicken möchte: Die Lehrer sollen froh sein, daß der Junge einen Mannschaftssport betreiben möchte, wo er sich in eine Gruppe integrieren lernt, wo er keine Egotrips abziehen kann und wo er durch körperliche Ertüchtigung von Langeweile, Fernsehen, Computern und Drogen (ich stelle diesen Zusammenhang bewußt auf) abgehalten wird. Ja, das kann man doch auch in anderern Sportarten, heißt es dann. Dazu kann ich nur sagen: das mag schon sein, aber keine ist so geil wie Fußball!!! Wer sich wirklich mit Fußball auskennt, der weiß, daß kein anderer Sport so spannend sein kann, so mitreißend etc. Wer einen Sinn für Spielzüge entwickelt (sozusagen ein neues Erkenntnisorgan), der kann auch wahre Ästhetik und hohe Kunst in Ihnen erkennnen.
Die Welt hat sich seit 1925 so viel weitergedreht, daß man zu solchen Fragen heute ganz einfach eine andere Ansicht haben muß - und R. Steiner wäre, so wie ich ihn inzwischen (durch seine Bücher) kennengelernt habe, der erste, der das bestätigen würde!
Lassen Sie den Jungen um Himmels willen in den Fußballverein, wenn der Trainer auf Sie einen guten Eindruck macht.
Alles Gute,
Dipl. ing. oec. Martin Wapenhensch, Ex-Waldorfschüler.
veröffentlicht seit 23. Februar 1999
Fußball an der Waldorfschule (2)
Peter Schmidt aus Bremen schrieb uns:
"Das folgende ist ein Beitrag, den mir Valdemar Setzer aus Sao Paulo zu diesem Thema geschickt hat, der sich seit langem mit Fragen der Waldorf-Erziehung auseinandersetzt und auch schon das eine oder andere dazu veröffentlicht hat (siehe ggf. seine WWW-Seite unten). Ich habe einige Formulierungen sprachlich überarbeitet und hoffe, dabei nicht den von ihm gemeinten Sinn verändert zu haben. Vieles davon ist nicht meine Meinung, aber ich will nicht gleich eine Antwort dazusetzen, sondern Val's Beitrag weitergeben.
Peter Schmidt (pschmidt@fbw.hs-bremen.de)"
1. Fussball ist ein gewaltbezogenes Spiel. Wenn man irgendein Spiel beobachtet, bemerkt man schon dass Gewalt eine grosse Rolle spielt. Zum Beispiel, wenn einige Bekannte sich treffen und spielen, gibt es immer Streitereien (fights), schimpfen, usw. (mindestens hier - wäre es interessant zu sehen, ob das in Deutschland auch der Fall ist - ich vermute dass es noch schlimmer ist). (Im Vergleich zu Brasilien).
2. Der Grund dafür ist klar: man benutzt die Beine und Füsse wie Hammer (und die haben auch diese Form - hauptsächlich mit Fussballschuhen, die hart an der Spitze sind).
3. Beine und Füsse sind Gliedmaßen für unbewußte Bewegungen. Die Hände und der Mund sind hingegen die Organe, mit denen wir dieWelt ergreifen und verändern sollen. Die Moderne Technik hat das etwas geändert - z.B. beim Autofahren.Das bedeutet, dass beim Fussball spielen ein Bewusstsein auf Glieder entwickelt wird, die eigentlich eher unbewusst bleiben sollten.
Als Vergleich: beim Fahrradfahren werden auch die Beine und Füsse intensiv benutzt, aber ganz unbewusst.
4. Normalerweise kann man keine feinen Bewegungen mit den Füssen machen, Zärtlichkeit austauschen, usw. Vergleicht man Fussball mit Spielen, bei denen wo die Hände die Hauptrolle spielen, und bemerkt man dass die letzten viel viel feinere Bewegungen entsprechen, z.B. beim Volleyball und Basketball.
5. Es ist interessant, Übertragungen von Fussballspielen im Fernsehen zu beobachten. Wenn irgendein Gewalttätigkeit passiert, wird sie einige Male wiederholt. Warum? Genau diese Tätlichgkeiten überträgt das Fernsehen intensiv (grobes Bild, viel Bewegung, starke Gefühle). Ich vermute dass heutzutage die Schiedsrichter viel mehr Gewalt im Spiel erlauben als früher, gerade weil das Fernsehen es verlangt.
6. Hat man bei andere Spiele so starke Gewalttätigkeiten bei Zuschauern gesehen wie beim Fussball? Das zeigt, dass vielleicht Fussball mehr mit Gewalttätigkeiten zu tun hat als andere Spiele. Und auch das es irgendwie mehr unbewusste Tätigkeiten beim Zuschauern induziert als andere Spiele. Ausnahmen sind vielleicht Boxen und American Football, die von ihren Natur aus gewalttätige Spiele sind.
7. Es ist interessant zu bemerken, dass Fussball hauptsächlich ein männliches spiel ist. Im allgemein interessieren sich Mädchen überhaupt nicht darüber. Vergleicht man, wie viele Frauen und Mädchen Fussball Fernsehübertragungen beobachten im Vergleich zu Männern und Buben, bekommt man schon ein Bild darüber. Warum ist das so? Hat es vielleicht mit Gewalttätigkeiten, die von Frauen normalerweise mehr entfernt bleiben, zu tun? (Es wäre interessant, bei Schülern eine Untersuchung darüber zu machen: vielleicht telefonisch zu fragen und eine Statistik daraus zu erstellen.)
8. Ist es schlimm dass Waldorfschüler sich anders benehmen als die ganze jugendliche Welt? Nein, ich finde es gerade gut. Das erzeugt Selbstbewusstsein und eine Mentalität dass man nicht unbedingt genau gleich wie alle andere Leute sein muss. Dass Fernsehen schon nicht geschätzt wird, und Computer bis zur Oberstuffe nicht in die Schule benutzt werden, sind auch Ausnahmen in dieser schwierigen Welt. Aber ich glaube dass es unbedingt nötig ist, mit Oberstufenschülern darüber zu sprechen und diskutieren.
Val.
--
Valdemar W. Setzer - Dept. of Computer Science, University of São Paulo,
http://www.ime.usp.br/~vwsetzer
veröffentlicht seit 8. Mai 1999
Fußball an der Waldorfschule (3)
Bezugnehmend auf den Beitrag von Valdemar Setzer schreibt Martin Wapenhensch: "Dieser Beitrag ist für mich ein abschreckendes Beispiel waldorfmäßiger Ignoranz und Weltfremdheit, die mir um so mehr wehtut, als ich die Waldorfpädagogik sehr hoch achte. Nur einige Richtigstellungen zu dem Beitrag". Wir geben seine Kommentare hier wieder, und wiederholen zum einfacheren Lesen die Aussagen von V. Setzer (kursiv gesetzt).
1. Fussball ist ein gewaltbezogenes Spiel. Wenn man irgendein Spiel beobachtet, bemerkt man schon dass Gewalt eine grosse Rolle spielt. Zum Beispiel, wenn einige Bekannte sich treffen und spielen, gibt es immer Streitereien (fights), schimpfen, usw. (mindestens hier - wäre es interessant zu sehen, ob das in Deutschland auch der Fall ist - ich vermute dass es noch schlimmer ist). (Im Vergleich zu Brasilien).
zu 1. Wenn ich mit meinen Bekannten oder Freunden sonntags Fußball spiele gibt es grundsätzlich nie Ärger, Fouls oder gar "Fights". Man muß hier den Vereins- bzw. Profifußball ganz klar von Freizeitkickern unterscheiden.
2. Der Grund dafür ist klar: man benutzt die Beine und Füsse wie Hammer (und die haben auch diese Form - hauptsächlich mit Fussballschuhen, die hart an der Spitze sind).
zu 2. Die angebliche "Hammerform" der unteren Gliedmaßen als Argument für Gewalt im Fußball heranzuziehen halte ich für abenteuerlich! Und selbst wenn, ist ein Schmied etwa Gewalttäter, weil er einen Hammer benutzt? Fußballschuhe sind vorne sehr weich. Wahrscheinlich hat der Autor niemals welche angehabt.
3. Beine und Füsse sind Gliedmaßen für unbewußte Bewegungen. Die Hände und der Mund sind hingegen die Organe, mit denen wir dieWelt ergreifen und verändern sollen. Die Moderne Technik hat das etwas geändert - z.B. beim Autofahren.Das bedeutet, dass beim Fussball spielen ein Bewusstsein auf Glieder entwickelt wird, die eigentlich eher unbewusst bleiben sollten.
Als Vergleich: beim Fahrradfahren werden auch die Beine und Füsse intensiv benutzt, aber ganz unbewusst.
zu 3. Warum sollen die unteren Gliedmaßen unbewußt bleiben? Ich halte es dagegen für modern, in allen Bereichen so bewußt wie möglich zu werden.
4. Normalerweise kann man keine feinen Bewegungen mit den Füssen machen, Zärtlichkeit austauschen, usw. Vergleicht man Fussball mit Spielen, bei denen wo die Hände die Hauptrolle spielen, und bemerkt man dass die letzten viel viel feinere Bewegungen entsprechen, z.B. beim Volleyball und Basketball.
zu 4. Niemand hat behauptet, daß Fußball denselben oder überhaupt einen ästhetischen Anspruch wie etwa andere Sportarten (Volleyball, Rhythmische Sportgymnastik, Ballett) hat. Im übrigen wird diese These des Autors durch die brutale Sportart Handball aufs trefflichste widerlegt.
5. Es ist interessant, Übertragungen von Fussballspielen im Fernsehen zu beobachten. Wenn irgendein Gewalttätigkeit passiert, wird sie einige Male wiederholt. Warum? Genau diese Tätlichgkeiten überträgt das Fernsehen intensiv (grobes Bild, viel Bewegung, starke Gefühle). Ich vermute dass heutzutage die Schiedsrichter viel mehr Gewalt im Spiel erlauben als früher, gerade weil das Fernsehen es verlangt.
zu 5. Auch hier unterliegt der Autor dem Irrtum, Profifußball, der medientechnisch sensationslüstern ausgeschlachtet wird, mit dem Freizeitfußball gleichzusetzen. Gewalt ist eben ein grundsätzliches Konsumbedürfnis, das durch Übertragung von Massenveranstaltungen gut bedient werden kann.
6. Hat man bei andere Spiele so starke Gewalttätigkeiten bei Zuschauern gesehen wie beim Fussball? Das zeigt, dass vielleicht Fussball mehr mit Gewalttätigkeiten zu tun hat als andere Spiele. Und auch das es irgendwie mehr unbewusste Tätigkeiten beim Zuschauern induziert als andere Spiele. Ausnahmen sind vielleicht Boxen und American Football, die von ihren Natur aus gewalttätige Spiele sind.
zu 6. kein Kommentar
7. Es ist interessant zu bemerken, dass Fussball hauptsächlich ein männliches spiel ist. Im allgemein interessieren sich Mädchen überhaupt nicht darüber. Vergleicht man, wie viele Frauen und Mädchen Fussball Fernsehübertragungen beobachten im Vergleich zu Männern und Buben, bekommt man schon ein Bild darüber. Warum ist das so? Hat es vielleicht mit Gewalttätigkeiten, die von Frauen normalerweise mehr entfernt bleiben, zu tun? (Es wäre interessant, bei Schülern eine Untersuchung darüber zu machen: vielleicht telefonisch zu fragen und eine Statistik daraus zu erstellen.)
zu 7. Bei uns haben auch Mädchen damals mitgespielt... Ansonsten gleicher Irrtum wie unter 5.
8. Ist es schlimm dass Waldorfschüler sich anders benehmen als die ganze jugendliche Welt? Nein, ich finde es gerade gut. Das erzeugt Selbstbewusstsein und eine Mentalität dass man nicht unbedingt genau gleich wie alle andere Leute sein muss. Dass Fernsehen schon nicht geschätzt wird, und Computer bis zur Oberstuffe nicht in die Schule benutzt werden, sind auch Ausnahmen in dieser schwierigen Welt. Aber ich glaube dass es unbedingt nötig ist, mit Oberstufenschülern darüber zu sprechen und diskutieren.
zu 8. Es wäre wahrlich traurig, wenn der Unterschied der Waldorfschüler darin bestände, über Fußball zu diskutieren anstatt Fußball zu spielen, keine Ahnung von Computern zu haben und sich in der Medienlandschaft inkl. Fernsehen nicht zurechtzufinden. Dann kommen wahrscheinlich auch solche Ansichten über Fußball zustande, wie die des Autors.
Gruß, Martin Wapenhensch.
veröffentlicht seit 27. Mai 1999
David Stoetzler stellt, angeregt von Valdemar Setzers Beitrag, "eine kritische Frage:"
Wie erklären die "Eingeweihten" , daß ein Spiel wie Völkerball, bei dem es darum geht , andere Menschen mittels eines Balles "abzuschiessen" und so daß gegnerische Volk zu "dezimieren", daß dies für gesunde Kinder ein förderliches Spiel sein soll, als Fußball, wo es vor allem darauf ankommt, ein gutes Team zu sein ?
Wer kann mir dies "aus geistiger Schau heraus" *g* oder anderweitig plausibel erklären??
veröffentlicht seit 27. Mai 1999
Ich glaube, ich spinne ! Diese Diskussion ist absolut "an den Haaren herbeigezogen". Fußball ist DER SPORT schlechthin und dient der Erziehung..... mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Diese Waldorf Ignoranz finde ich zum KOTZEN !!!
Jürgen Oxenknecht
Dipl. Pädagoge
veröffentlicht seit 31. März 2004
Fußball an der Waldorfschule (4)
Bezugnehmend auf den Beitrag von Valdemar Setzer schreibt Manfred Voß. Wir geben seine Kommentare hier wieder, und wiederholen zum einfacheren Lesen die Aussagen von V. Setzer (kursiv gesetzt).
1. Fussball ist ein gewaltbezogenes Spiel. Wenn man irgendein Spiel beobachtet, bemerkt man schon dass Gewalt eine grosse Rolle spielt. Zum Beispiel, wenn einige Bekannte sich treffen und spielen, gibt es immer Streitereien (fights), schimpfen, usw. (mindestens hier - wäre es interessant zu sehen, ob das in Deutschland auch der Fall ist - ich vermute dass es noch schlimmer ist). (Im Vergleich zu Brasilien).
Wer einmal eine Tennisübertragung mit einem schimpfenden John McEnroe erlebt hat, oder aber das unsportliche und regelwidrige Verhalten von Martina Hingis beim Finale der French Open muss daran zweifeln, dass diese mit der Hand (und einem Hilfsinstrument) betriebene Sportart friedlicher ist. Val macht einen Fehler: er pickt sich aus der Masse die negativen Beispiele heraus, aber der große Rest bleibt bei ihm unberücksichtigt.
2. Der Grund dafür ist klar: man benutzt die Beine und Füsse wie Hammer (und die haben auch diese Form - hauptsächlich mit Fussballschuhen, die hart an der Spitze sind).
Beine und Füße haben also die Form eines Hammers? Interessant. Ob Val eine Ahnung von Anatomie hat? Ich glaube nicht. Italien hat, das kann jeder sehen, die Form eines Stiefels. Sizilien könnte ein (deformierter) Ball sein. Die Italiener behaupten, dass der Fussball sich aus einem in Italien beliebten Spiel heraus entwickelt hat, bei dem es ziemlich brutal zuging (Knochenbrüche, Platzwunden und und und). Kann es sich dabei, aus der Sicht eines Eingeweihten heraus, um einen Zufall handeln? Oder muss man folgern, dass alle Italiener deformierte Astralleiber haben? Anmerkung für alle Italiener: mir liegt es fern, einen einzigen Italiener damit zu beleidigen.
3. Beine und Füsse sind Gliedmaßen für unbewußte Bewegungen. Die Hände und der Mund sind hingegen die Organe, mit denen wir dieWelt ergreifen und verändern sollen. Die Moderne Technik hat das etwas geändert - z.B. beim Autofahren.Das bedeutet, dass beim Fussball spielen ein Bewusstsein auf Glieder entwickelt wird, die eigentlich eher unbewusst bleiben sollten.
Das soll er einmal den Leuten sagen, die ohne Hände geboren wurden (Contergan-Kinder) oder die ihre Hände nicht bewusst benutzen können (z.B. Christy Brown). Diese könnten über diese Behauptung nicht einmal lachen, benutzen sie doch bewusst ihre Füße bei allem was sie tun. Als Vergleich: beim Fahrradfahren werden auch die Beine und Füsse intensiv benutzt, aber ganz unbewusst. Beim Tippen eines Diktats benutzt die Sekretärin, pardon, Bürogehilfin, unbewusst ihre Händer und Finger. Der Witz ist, dass man die Füße so lange an das Laufen gewöhnt, bis diese es von allein tun, also ohne, dass man jede Bewegung bewusst steuern muss. Val zäumt das Pferd also von hinten auf, denn am Anfang steht die bewusste Bewegung.
4. Normalerweise kann man keine feinen Bewegungen mit den Füssen machen, Zärtlichkeit austauschen, usw. Vergleicht man Fussball mit Spielen, bei denen wo die Hände die Hauptrolle spielen, und bemerkt man dass die letzten viel viel feinere Bewegungen entsprechen, z.B. beim Volleyball und Basketball.
Das liegt daran, dass bei der Entwicklung der Gliedmaßen diese Art von Bewegungen nicht vorgesehen waren. Doch auch das zärtliche Streicheln muss man den Händen erst einmal beibringen.
5. Es ist interessant, Übertragungen von Fussballspielen im Fernsehen zu beobachten. Wenn irgendein Gewalttätigkeit passiert, wird sie einige Male wiederholt. Warum? Genau diese Tätlichgkeiten überträgt das Fernsehen intensiv (grobes Bild, viel Bewegung, starke Gefühle). Ich vermute dass heutzutage die Schiedsrichter viel mehr Gewalt im Spiel erlauben als früher, gerade weil das Fernsehen es verlangt.
Aha, Val hat seine Meinung aus dem heraus entwickelt, was er im Fernsehen beobachtet hat. Demnach sind Waldorfschüler nicht in der Lage, diese Beobachtungen nachzuvollziehen, sind Fernseher doch unerwünscht. Auf mich macht das einen heuchlerischen Eindruck. "Fernseher sind nur dann gut, wenn sie meine Meinung bestätigen"
6. Hat man bei andere Spiele so starke Gewalttätigkeiten bei Zuschauern gesehen wie beim Fussball? Das zeigt, dass vielleicht Fussball mehr mit Gewalttätigkeiten zu tun hat als andere Spiele. Und auch das es irgendwie mehr unbewusste Tätigkeiten beim Zuschauern induziert als andere Spiele. Ausnahmen sind vielleicht Boxen und American Football, die von ihren Natur aus gewalttätige Spiele sind.
Die meisten Sendeminuten gehören dem Fussball, ergo kann man auch, was die Menge angeht, nirgendwo sonst so viele Gewalttätigkeiten sehen. Leider werden auch die Gewalttaten immer und immer wieder gezeigt (Stichwort Heysel-Stadion). Das liegt aber in erster Linie nicht an der Gewalttätigkeit der Zuschauer sondern an dem übertragenden Medium Fernsehen. Würde Val das Fernsehen wegen dieser einseitigen Informationspolitik kritisieren, dann würde hier ein Schuh daraus.
7. Es ist interessant zu bemerken, dass Fussball hauptsächlich ein männliches spiel ist. Im allgemein interessieren sich Mädchen überhaupt nicht darüber. Vergleicht man, wie viele Frauen und Mädchen Fussball Fernsehübertragungen beobachten im Vergleich zu Männern und Buben, bekommt man schon ein Bild darüber. Warum ist das so? Hat es vielleicht mit Gewalttätigkeiten, die von Frauen normalerweise mehr entfernt bleiben, zu tun? (Es wäre interessant, bei Schülern eine Untersuchung darüber zu machen: vielleicht telefonisch zu fragen und eine Statistik daraus zu erstellen.)
Val hat vermutlich noch nichts von Frauenfußball gehört. Zur Zeit findet auch eine Frauenfußball-WM in Amerika statt. Aber das würde sein Weltbild wohl stören. Da ich persönlich bei mehreren Fußballspielen war kann ich sagen, dass die Zahl der zuschauenden Frauen NICHT verschwindend gering ist. Da ich nicht in die Wohnstuben sehen kann, weiß ich nicht, ob das in den Häusern genau so ist.
8. Ist es schlimm dass Waldorfschüler sich anders benehmen als die ganze jugendliche Welt? Nein, ich finde es gerade gut. Das erzeugt Selbstbewusstsein und eine Mentalität dass man nicht unbedingt genau gleich wie alle andere Leute sein muss. Dass Fernsehen schon nicht geschätzt wird, und Computer bis zur Oberstuffe nicht in die Schule benutzt werden, sind auch Ausnahmen in dieser schwierigen Welt. Aber ich glaube dass es unbedingt nötig ist, mit Oberstufenschülern darüber zu sprechen und diskutieren.
Könnte dadurch nicht, wenn auch ungewollt, eine Elite-Denken Einzug halten? "Wir sind nicht so, wie der Rest der Welt!" Ich glaube, das ist auch nicht gewollt.
Übrigens: beim Schach, das nur im Kopf stattfindet (am einfachsten sieht man das beim Blindschach), geht es darum, den Gegner zu dezimieren, ihn in die Ecke zu treiben und den Oberbefehlshaber gefangenzunehmen. Es handelt sich um Krieg zwischen zwei gleichstarken Armeen, der in diesem Fall auf 64 Feldern ausgetragen wird. Wenn Val das schöner findet als Fußball.
Manfred Hoß.
veröffentlicht seit 3. Februar 2000
Fußball an der Waldorfschule (5)
Eine Jahresarbeit von Tobias Kessener zum Thema
Liebe Redaktion,
anbei die Jahresarbeit (11.Klasse) meines Sohnes Tobias zum Thema Fussi und Waldischulen. Den Vortrag hat er am 19.11.1999 an der Freien Waldorfschule in Eckernförde gehalten; die Reaktion des Publikums war sehr positiv!! Allerdings wich der Vortrag von der Schriftform erheblich ab; auch ist die beigefügte Datei nicht die endgültige Version. Da er die Arbeit handschriftlich abgeben mußte, wurde noch einiges geändert und umformuliert. Ich hoffe, der Beitrag ist vorantreibend für die Diskussion !
Viele Grüße
Nicolaus Kessener
veröffentlicht seit 3. Februar 2000
Michael Findeisens Kommentar zu Valdemar Setzers Beitrag:
Herrlich!!
Ich habe schon lange nicht mehr so herzlich gelacht!!!
Bitte mehr von diesen Kommentaren, die so wunderbar die Spezies Mensch darstellen, die der "Allgemeinbürger" mit Waldorfschule verbindet!
Übrigens (bezüglich Punkt 3): Mein herzliches Beileid allen Menschen, die aufgrund diverser Verstümmelungen lernen mit den Füßen zu malen, zu schreiben etc... Die müssen sich ja geradezu zu Bestien entwickeln, bei soviel "Bewußtsein in den Beinen und Füßen".
Grüße
Mifi (Ehemaliger Waldorfschüler)
PS: Lieber Valdemar Setzer, ich bin sicher, Rudi wäre stolz auf Sie!!!!
veröffentlicht seit 30. November 2000
Weiteres resolutes Plädoyer für Fußball an der Waldorfschule:
Ja ich bin schon seit 10 Jahren Waldorfschüler und bin froh darum! Ab der zweiten bis zur vierten Klasse haben wir auf dem Schulfhof in den Pausen (leider zu kurz) immer Fußball gespielt. Damals bin ich auch in einen Fußballverein eingetreten: was die Lehrer nicht gut fanden, da ich Samstags manchmal aus der Schule befreit werden musste, da die Spiele recht früh waren. Also, lassen Sie den Jungen bloß in einen Verein, am besten erst einen kleinen, da er dort mehr zum Einsatz kommt. Mittlerweile haben wir ca alle 3 Monate ein Fußballtunier ( zwar erst ab Klasse 8), aber immerhin. Wenn sich die Eltern bei den "kleinen" so dafür arangieren, dann wird das schon klappen! Also der Junge spielt demnächst gut in einem Verein.
Waldorfschüler Wuppertal
ronsdrop@gmx.de
veröffentlicht seit 30. November 2000
Fußball an der Waldorfschule (6)
Harald Effenberg macht sich auf die Suche nach dem Ursprung der waldörflichen Fußballabneigung
Hi!
So weit ich herausfinden konnte, läßt sich das Problem, das viele Waldorfschulen mit dem Fußball haben, auf ein Buch aus den 50-er Jahren zurückführen, geschrieben von einem Waldorfsportlehrer, der Fußball wohl nicht mochte, sich aber für Geschichten begeistern konnte, die von Dämonen und Totenschädeln handeln. Rudolf Steiner scheint sich für das Thema eher weniger interessiert zu haben.
Ausführlich beschrieben auf http://www.effenberg.de/waldifussball.htm
Viele Grüße
Harald Effenberg
veröffentlicht seit 31. März 2004