"...daß jeder Lehrer mit wachem Blick...nach...seiner kindgemäßen Pädagogik sucht" (Kontroverse Text 7)
Sehr geehrter Herr Hau, sehr geehrter Herr Hardorp!
da ich seit gut zwei Jahren an der Freien Waldorfschule Schwäbisch Hall Mathematik, Informatik und Physik unterrichte, verfolge ich mit wachsendem Interesse und wachsenden technischen Möglichkeiten die sich entwickelnden Diskussionsformen im Net. Da tut sich viel erfreuliches, wie ich finde! Nun stoße ich auch auf ihre schon einige Zeit zurückliegende Kontroverse zum Thema Menschenbild und Anthroposophie ausgerechnet am gleichen Tag, an dem ich Zeit und Muße habe, den umstrittenen Artikel von Peter Sloterdijk (siehe DIE ZEIT Nr.38 vom 16.9.99, Seite 15ff) zu lesen. Zwischen den unterschiedlichen Texten scheint mir ein pädagogisch wichtiger Zusammenhang zu bestehen. Daher ein Versuch, die alte Kontroverse aufzufrischen.
Nelson Mandela hat einmal darauf hingewiesen, daß die tiefste Angst in uns nicht die Angst vor dem Versagen, sondern die Angst vor der eigenen Macht ist. Peter Sloterdijk hat, im Gegensatz zu seinem etwas raunenden Stil, den ich nicht mag, eine These, die uns vor unserer Macht erschrecken lässt, so klar herausgearbeitet, wie ich das zuvor noch nie gelesen habe: Erziehung verändert das Genom. Die These ist provokant, und zu Recht stellen sich uns die Nackenhaare hoch, wenn wir das hören, sowohl im Blick auf die Vergangenheit als auch im Blick auf die Zukunft. Allerdings scheint es ebenso offensichtlich, dass die Menschen, die in den Höhlen von Lascaux in Frankreich gelebt haben, auch wenn sie nicht bestialische Wilde gewesen sind, was ich angesichts der herrlichen Zeichnungen für wahrscheinlich halte, völlig anders geprägt gewesen sind, andere Anlagen und andere Fähigkeiten gehabt haben als wir. Erziehung und Kultivierung haben in diesem Sinne selektive Wirkung, und sich darüber bewusst zu sein, ist ein Akt der Aufklärung.
Und genau deshalb finde ich es an Steiner so sympathisch, daß er eben nicht die Identifikation des Kindes mit dem Erwachsenen und das kindliche Nachempfinden und Nachleben der erlebten Bilder ablehnt, sondern bewusst macht: Kinder bedürfen der Orientierung und des Vorbildes. Er verwendet sogar, in der Sprache der Jahrhundert-Wende, den Begriff der Verehrung, aber eben keine bedingungslose Verehrung: "Es ist ein Glück für jeden heranwachsenden Menschen, solche Gefühle als Anlagen in sich zu tragen. Man glaube nur ja nicht, daß solche Anlagen den Keim zur Unterwürfigkeit und und Sklaverei bilden. Es wird später die erst kindliche Verehrung gegenüber Menschen zur Verehrung gegenüber Wahrheit und Erkenntnis. Die Erfahrung lehrt, daß diejenigen Menschen auch am besten verstehen, das Haupt frei zu tragen, die verehren gelernt haben da, wo Verehrung am Platze ist. Und am Platze ist sie überall da, wo sie aus den Tiefen des Herzens entspringt. (Aus: Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?)".
Zunächst einmal nennt Steiner dies eine Erfahrungstatsache, weshalb auch Anthroposophie auch allgemein nie Weltanschauung sondern Bildungsweg ist. Wir sollten uns also auf den Weg machen und von heute aus Nachfragen: Welche Erfahrungen haben die 70er eigentlich mit der antiautoritären Erziehung gemacht? Wieviel Erziehung braucht der Mensch, um Sicherheit im Handeln und Freiheit im Denken zu lernen? Hier kann nur jeder immer wieder mit kritischer Distanz selbstgemachte Erfahrungen und Erfahrungen anderer Erzieher überprüfen.
Sodann kann das Kind eben nicht alles bedingungslos verehren. Durch den Erzieher soll Wahrheit und Erkenntnis sprechen. Wieder sträuben sich die Nackenhaaare: Können wir das denn überhaupt? Wenn Lehrer meinten, der Wahrheit zu dienen, wenn sie ihre Schüler zu guten Nationalsozialisten machten, können wir uns dann sicher sein, die bessere Wahrheit für uns gepachtet zu haben? Aber sollen wir deshalb dazu übergehen, alle Inhalte des Unterrichts für gleich beliebig zu halten? Meiner Erfahrung nach Reagieren Schüler dann schnell allergisch und fragen: Was sollen wir denn jetzt eigentlich machen?
Und vor allem: Orientierung ist nur dann möglich, wenn sie nicht auf der Peitsche sondern stattdessen auf Zuneigung, die aus der "Tiefe des Herzens" entspringt, beruht. Auch hier hängt der Anspruch hoch, und unser Handeln mag jeden Tag das Ziel verfehlen, aber eine kleine Bemerkung zu einem Schüler, die menschlich warme Ansprache und immer wieder ein ordentlicher Schuß Humor werden von meinen Schülern eigentlich immer, auch noch in der Oberstufe, dankbar registriert.
Es bleibt eben letzten Endes bei dem, was Herr Hardorp bereits als so wichtig herausgestellt hat: daß jeder Lehrer mit wachem Blick nach aussen, also zu den Schülern hin, und nach innen, das heißt in das eigene geistige Sein, nach seiner kindgemäßen Pädagogik sucht. Es würde mich freuen, wenn eine lebendige pädagogische Diskussion auch im Internet zustande käme.
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Penselin
veröffentlicht seit 3. Februar 2000