Kontroverse (Text 6)

"Das Hauptanliegen: die Diskussion herauszuholen aus den internen Konferenzen in die
(Schul-)öffentlichkeit" (Kontroverse Text 6)

Felix Hau über den Gesprächsbedarf innerhalb und außerhalb der Waldorfschulen

Aus dem sonnigen Spanien zurück im herbstlichen Deutschland, habe ich mit Begeisterung die neuen Diskussionsbeiträge im Forum gelesen. Mit im Urlaub war unter anderem eine Freundin, selbst ehemalige Waldorfschülerin, inzwischen überzeugte "Waldorfmutter", der ich die bisherige Diskussion in ausgedruckter Form zu Lesen gegeben habe. Sie machte mich auf etwas aufmerksam, das auch in den neuen Beiträgen von Dr. Detlef Hardorp und Christof Jauernig und M.J. anklingt: Ich schreibe in meinen Kritiken nicht aus der eigenen Erfahrung. Das stimmt. Es gibt dafür allerdings eine - wie ich glaube - gute Erklärung.

Zur hellen Freude unseres seligen Gründervaters werde ich zur Erläuterung ein Bild verwenden: Man stelle sich eine Fliege vor, die ihr ganzes Leben lang auf den Blütenblättern einer Rose verbringt. Befragt, wie die Welt im allgemeinen und ihre Behausung - die Rose - im besonderen beschaffen ist, würde sie bestimmt antworten: Die Welt ist schön. Die Sonne scheint, morgens kühlt frischer Tau und mein Zuhause ist duftig und rot und weich.

Sicher: Die Fliege hätte das so erlebt. Aber ist das die Wahrheit? Hat die Rose nicht auch Dornen? Ist sie - aus einem anderen Blickwinkel betrachtet - wirklich so rein und sanft? Und gibt es auf der Welt nicht noch ganz andere Dinge - auch, wenn die Fliege sie selbst nicht "erfahren" hat?

Ich habe - auch wenn Rudolf Steiner das vielleicht für unmöglich halten würde - schon in den ersten Klassen und davor sehr genau gewußt, wo ich aufhöre und meine Umwelt beginnt; jedenfalls lange vor dem 9. Lebensjahr. Deshalb kann ich zwar sagen: Ich habe insgesamt 14 Waldorfjahre (mit Kindergarten und Abitur) als für mich ausgesprochen positiv erlebt. Das sagt aber wenig über die Pädagogik an sich, sondern viel mehr über meine subjektive Empfindung aus. Mir ist keineswegs entgangen, daß das Verhältnis zwischen "meinen" Lehrern und meinen Klassenkameraden oder zwischen den Lehrern anderer Klassen und ihren Schülern gelinde gesagt nicht immer so ungetrübt war, wie ich es zwischen "meinen" Lehrern und mir erlebt habe.

In sämtlichen Zeugnissen der Unter- und Mittelstufe werden mir neben guten Leistungen auch rege Beteiligung, Einsatz für die Gemeinschaft, einmal ein scharfer Blick für das soziale Geschehen in der Klasse und durchgängig das berühmte "Stütze der Klassengemeinschaft"- Sein bescheinigt. Ich konnte und kann mich wirklich aus eigener Erfahrung nicht beklagen. Aber ich kann und konnte denken und ich kann und konnte beobachten. Wenn ich - und ein paar andere - Stütze der Gemeinschaft sind, heißt das ja, daß da offensichtlich welche sind, die gestützt werden müssen. Wie werden wohl deren Zeugnisse aussehen??

Wenn ich einen Zeugnisspruch bekomme, der mich ermutigen soll, meinen Gerechtigkeitssinn weiter zu pflegen und einen Blick dafür zu entwickeln, daß es andere vielleicht nicht so leicht haben - darf man sich nicht wundern, daß ich den verinnerliche und bemerke: Ja, zum Teufel, da haben's ja offensichtlich ziemlich viele nicht so leicht wie ich. Allerdings frage ich mich dann auch gleich, ob das wirklich an ihnen selbst liegt oder an der Wahrnehmung durch die Lehrer.

Beispiele für in meiner Sicht recht deutliche Verfehlungen gegenüber einer menschenerkennenden Pädagogik gab es während meiner Schulzeit in reicher Zahl. Es gibt sie - zumindest in mir bekannten Einzelfällen - auch heute noch. Christof Jauernig machte mich darauf aufmerksam, daß die ursprünglich hier platzierte Auflistung zu reißerisch ausgefallen war. Ich gebe ihm Recht und verzichte auf Plakatives; es scheint mir tatsächlich in der hier gebotenen Kürze nicht angebracht, mehr oder minder einzeln auftretende pädagogische Fehlschläge als Belege für meine Thesen anzuführen. Allerdings muß ich nun dasjenige, zu dessen Illustration diese Beispiele ursprünglich dienen sollten, erneut in einen abstrakten Vorwurf packen: All diese pädagogischen Übertritte zielten darauf ab, Schamgefühl zu erzeugen.

Die Frage ist nun trotzdem, ob solcherlei Verfehlungen nur bei einzelnen Lehrern, bei einer einzelnen Schule, bei mehreren einzelnen Schulen oder aber in der Waldorfpädagogik an sich begründet liegen. Das Problem dabei ist: Alle berufen sich auf diese Pädagogik. Heißt nun dasjenige "Waldorfpädagogik", was in der täglichen Praxis in Schulen geschieht oder ist die Praxis ein nicht ganz ideal laufender Versuch, Steiners Postulate über die rechte Kindheitsentwicklung umzusetzen?

Dr. Hardorp möchte wissen, woher ich das "Negativvokabular" habe, das seiner Meinung nach eher auf das Gegenbild der Waldorfpädagogik zutrifft. Der Begriff "schwarze Pädagogik" stammt tatsächlich von Alice Miller. Sie bezeichnet damit veraltete Erziehungsmaßnahmen, die mittels Zwang dazu führen sollten, daß das Kind später einmal froh und glücklich werde. Interessant ist ihre Erklärung für den Umstand, daß sich diese schwarze Pädagogik ja über Generationen hinweg gehalten hat (und sich teilweise noch hält). Man ist als Erwachsener unfähig, sich in der Erinnerung nochmals den Schmerzen auszusetzen, die man als Kind psychisch oder physisch erlitten hat. Man verdrängt und identifiziert sich unbewußt mit seinen Erziehern, weil man sie als allmächtig und gutmeinend gespeichert hat. Dadurch kommt es, wenn man selbst Kinder hat, zu einem fatalen Wiederholungszwang. Der Teufelskreis ist perfekt.

Die anderen "negativen Begriffe" - Dr. Hardorp kann ganz beruhigt sein - habe ich mir selbst durch "eigene, an der Welt gebildete Gedanken" geschaffen. Ich gehöre aber ganz gewiß nicht zu "gewissen Kreisen", die versuchen, "ein Gegenbild der Waldorfschule der öffentlichen Meinung einzuimpfen"; ich bin nicht nur ehemaliger Schüler, sondern auch zahlendes Mitglied des Waldorfschulvereins.

Dr. Hardorp fragt, ob Anthroposophie ein Weltbild sei. Die Antwort ist eindeutig: Ja. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, daß Steiner Anthroposophie als Erkenntnisweg sah. Für ihn selbst mag das (vielleicht) noch gelten, für alle nach ihm ist der Weg vorgegeben. Die Anthroposophie geht - wie jede Vorstellung des Menschen - von bestimmten Prämissen aus.

1. Ich bin bei klarem Verstand.
2. Ich kann meinen 5 Sinnen trauen.
3. Was ich denke, ist richtig, wenn ich mich davon überzeugen kann, daß es richtig ist.

Das sind die Grundpfeiler jeder Weltanschauung.
Dann beginnen die Unterschiede. Bei der Anthroposophie geht es wie folgt weiter:

4. Das Leben hat einen Sinn.
5. Gott lebt.
6. Das Christentum ist - menschheitsgeschichtlich - die vollkommene Religion.
7. Es gibt über die 5 Sinnesorgane hinaus noch weitere Möglichkeiten der Wahrnehmung (Beleg dafür: siehe 3.)

Das soll - auch wenn es den Anschein erweckt - nicht bedeuten, daß ich das anthroposophische Weltbild für absurd halte; so gesehen ist jedes Weltbild absurd. Ich wollte nur auf seine Prämissen hinweisen, die es fraglos zum Weltbild machen; denn die sind streitig.

Zu Steiners Menschenbild, das Grundlage der von ihm entwickelten Pädagogik ist, gehört die Überzeugung, der Einzelmensch entwickele sich analog zur ganzen Menschheitsentwicklung. Ein Kind steht somit noch ziemlich am Anfang der Kulturgeschichte der Menschheit, weshalb es zum Beispiel förderlich sei, dem Schulkind zuerst das Schreiben beizubringen, in dem man aus Bildern Buchstaben erwachsen läßt, dann das Lesen, da auch die Menschheit als ganzes zunächst Bilder ersonnen hat, um sich mitzuteilen, aus denen dann Buchstaben wurden. Zu dieser Sicht der Dinge gehört fast zwangsläufig eine zweite Grundüberzeugung: Der Mensch lebt in einem Kontinuum zwischen Erdenleben und geistiger Welt. Durch mehrfache Erdenleben entwickelt er sein Karma.

Ohne diese beiden Annahmen macht die gesamte pädagogische Bemühung der Waldorfschulen keinen Sinn. Deshalb muß ich Dr. Hardorp widersprechen: Die Waldorfpädagogik fußt sehrwohl auf einem Menschenbild.

Aber: Das an sich finde ich keineswegs besorgniserregend. Wie Dr. Hardorp bereits in Übereinstimmung mit mir dargestellt hat, liegt jeder Pädagogik eine bestimmte Weltanschauung zugrunde. Meine Frage ist nur:

1. Ist Anthroposophie die bestmögliche, um eine menschengerechte Pädagogik zu begründen?
2. Wenn ja - gibt es vielleicht Bedarf, einige Korrekturen zu unternehmen? Schließlich ist Steiner seit über 70 Jahren tot - die Menschheit hat sich aber weiterentwickelt.
3. Ist es ausreichend bekannt, daß Waldorfschulen ihre Pädagogik auf einer anthroposophischen Grundlage betreiben?

Zum letzten Punkt: Ich bin erfreut, zu hören, daß Waldorfschulen neue Schuleltern verpflichten, an einführenden Veranstaltungen teilzunehmen. In unserer Klasse hatten sicherlich zwei Drittel der Eltern keine Ahnung, was genau in der Schule passiert. Weiterhin bin ich mit Dr. Hardorp der Meinung, daß Waldorfschulen zuwenig PR betreiben. Das liegt aber m.E. auch mit daran, daß man sich scheut, klar und deutlich zu dem "Geist" zu stehen, der durch die Waldorfschulen waltet.

Eigentlich ist das mein Hauptanliegen: Anthroposophie im Bereich der Waldorfschulen und deren Diskussion aus den internen Konferenzen herauszuholen in die (Schul-) Öffentlichkeit. Mit diesem Schritt wäre auch gewährleistet, daß laut darüber nachgedacht wird, ob es die Notwendigkeit zur Veränderung eingefahrener Waldorf-Muster gibt. Ob vielleicht sogar überholte pädagogische Maßnahmen über Bord geworfen werden könnten und - das wichtigste - man könnte endlich klären, was genau Waldorfpädagogik ist und was sie will.

Letzteres - zumindest so, wie ich es verstehe - finde ich nämlich ausgesprochen toll (um es mal begeistert auszudrücken): Steiners Anliegen war es (hoffe ich), Kinder zu lebensfrohen, einsichtigen, vernünftigen, friedvollen und tüchtigen Menschen zu "erziehen". Zu Menschen, die wissen, was sie wollen und den Mut haben, sich für Ideale einzusetzen, die eine menschengerechte Gesellschaft möglich machen.

Bleibt die Frage, ob Waldorfpädagogik diesen Anforderungen genügt und ob das, was Steiner unter einer menschengerechten Gesellschaft versteht, der Natur des Menschen auch wirklich entspricht.

Ich finde, die Waldorfschulen bieten in ihrer gesamten Struktur unglaublich viele Möglichkeiten, den Menschen - ich nenne es mal: - zu sich selbst finden zu lassen. Es seien exemplarisch genannt: Die Betonung der künstlerischen Tätigkeit, die oft vielfältigen Angebote zu praktischer Arbeit (Werkbereich, Gartenbau, Hausbauepoche etc.), die Klassen (Rollen) -Spiele, die Jahresarbeit.

In der praktischen Umsetzung dieser an sich begrüßenswerten Förderung verkommt allerdings viel von dem, was Chance zur Individualitätsbildung in sich trägt, zu einem Einheitsbrei. Gerade im ãKunstsektor" finde ich das geradezu widersinnig. Warum erkennt man "Waldorfkunst" auf den ersten Blick? Warum wird beim Wasserfarbenmalen nicht nur die Farbe sondern auch gleich das Thema genauestens vorgegeben? Warum dürfen manche Theaterstücke erst in der zwölften Klasse, manche überhaupt nie als Klassenspiele aufgeführt werden? Warum hatte ein Schüler der Mannheimer Waldorfschule (Vorsicht: Eventuell Einzelfall!) immense Probleme, als Jahresarbeit die Restaurierung eines alten Autos durchzusetzen? Da ist er doch wieder, der vorgegebene Weg, der als Freiheit verkauft wird!

"Eine fruchtbare Pädagogik", schreibt Dr. Hardorp, "arbeitet nicht mit Menschenbildern, sondern mit lebendigen Menschen im Hier und Jetzt". Diesen Satz sollte man vergrößern, ausschneiden und in jedes Lehrerzimmer hängen. Ich habe dem nichts hinzuzufügen.

Felix Hau

veröffentlicht seit 18. Oktober 1997