Anthroposophie ist geschärftes Bewußtsein
Dr. Detlef Hardorp zu den Vorwürfen von Felix Hau - "Eine fruchtbare Pädagogik arbeitet nicht mit Menschenbildern, sondern mit lebendigen Menschen im Hier und Jetzt."
Anthroposophie ist Grundlage der Waldorfpädagogik
Felix Hau schrieb: << Ich fürchte, daß ein außerordentlich geringer Anteil von Waldorfeltern die Grundlagen des anthroposophischen Weltbildes kennt. Ich nehme sogar an, daß nicht einmal alle an Waldorfschulen tätigen Lehrer und Erzieher einen umfassenden Einblick haben. Mir ist eine Waldorferzieherin bekannt, die in ihrem ganzen zwanzigjährigen "Waldorfleben" noch nie etwas von der Akasha-Chronik gehört hat. >> << Und - genau so wichtig - wie ehrlich präsentieren sie [dieWaldorfpädagogen] diesen Hintergrund als Grundlage der gewählten Pädagogik? >>
Heute abend (ich schreibe diese Zeilen am Freitag, den 5. September 1997) hält Herr Dr. Wolf Ulrich Klünker an der Freien Waldorfschule in Hamburg Bergedorf einen Vortrag zum Thema "Was ist Anthropsophie". Waldorflehrer freuen sich in der Regel, wenn sich auch die Eltern dafür interessieren. Von den Eltern kann man das aber nicht einfordern: Waldorfschulen sind öffentliche Schulen für jedermann. Es reicht, wenn man seine Kinder auf die Waldorfschule schickt, weil man sie für eine gute Schule hält. In den letzten Jahren sind die Waldorfschulen allerdings mehrheitlich dazu übergegangen, die neuen Eltern zu verpflichten, vor der Einschulung ihres Kindes an einer Reihe von Elternabenden teilzunehmen, bei denen über die Waldorfpädagogik und ihre Grundlagen deutlich gesprochen wird. Denn die Erfahrung hat gezeigt, daß viele Eltern unzufrieden ihre Kinder von der Schule nehmen, wenn sie sich etwas völlig anderes unter Waldorfschule vorgestellt hatten, als was dort tatsächlich stattfindet.
Ist Anthroposophie überhaupt ein Weltbild?
Ist Anthroposophie denn überhaupt primär ein Weltbild? Das bezweifle ich sehr. Jedenfalls könnte man aus einem bloßen Weltbild niemals eine fruchtbare Pädagogik hervorbringen. Daß Waldorfpädagogik fruchtbar ist, wird aber kaum bestritten. Sie ist es eben nur, weil sie am vollen Leben des heranwachsenden jungen Menschen anknüpfen will, und nicht meint, daß es ausreicht, wenn Lehrer lediglich ihr Spezialwissen vermitteln. Denn die reine Wissensvermittlung führt in die bodenlose seelische Verödung, wie sie in der gewöhnlichen Schullandschaft bekanntlich grossteils verbreitet ist.
Es ist interessant, daß Herr Hau just die sogenanne Akasha Chronik anführt. Diese kommt zwar auch in der Anthroposophie vor, hat aber mit Waldorfpädagogik so gut wie gar nichts zu tun (weswegen sie auch hier nicht weiter erläutert werden muß). Dr. Jan Badewien, Direktor der Evangelischen Akademie in Karlsruhe, hatte kürzlich auf dem Leipziger Kirchentag in einem Vortrag über Waldorfpädagogik behauptet, daß Rudolf Steiner die anthroposophische Menschenkunde in der Akasha Chronik abgelesen hätte. Diese völlig unsinnige Auffasung zeugt von einem grundliegenden Mangel an Verständnis für Anthroposophie und Waldorfpädagogik. Denn Menschenkunde kann man nur am lebendigen Menschen ablesen.
Daß ist allerdings schlecht möglich, wenn man die Begrifflichkeiten, mit denen man zu Werk geht, nicht verlebendigt. Denn die gewöhnlichen Begriffe über den Menschen, mit denen man generell im Laufe seiner Bildung ausstaffiert wird (z.B. der Mensch als Produkt seiner Vererbung und seiner Konditionierung), sind dafür völlig untauglich. Die Begriffsbildungen der anthroposophischen Menschenkunde dienen lediglich dazu, Begriffe über den Menschen so in Bewegung zu bringen, daß sie lebenstauglich werden.
Wer sich anfängt, ernsthaft mit Anthroposophie zu beschäftigen, wird sich leicht erst einmal über sie ärgern. Denn die ernste Beschäftigung führt dazu, daß liebgewonnene Schablonenvorstellungen über den Menschen anfangen, sich aufzulösen. Hält man es aus, auf die unausgesprochenen und deswegen umso wirksameren Dogmen der gegenwärtigen öffentlichen Meinung zunehmend zu verzichten und sich eigenständig völlig eigene Gedanken an der Welt zu bilden, entwickelt sich eine neue Wahrnehmungsfähigkeit für tiefere Schichten des Lebens. Anthroposophie ist nichts anderes als geschärftes Bewußtsein für tiefere Schichten des Menschseins. Alle Begriffe, die man bei Rudolf Steiner in seinen Büchern oder Vortragsnachschriften lesen kann, werden erst in der Pädagogik fruchtbar, wenn durch sie der Blick auf die Realität des Menschseins geschärft wird.
Der Kern der Waldorfpädagogik ist mit nichten ein "anthroposchisches Menschenbild", von dem leider all zu oft auch innerhalb der Waldorfbewegung gesprochen wird; Rudolf Steiner sprach nie davon. Wie könnte ein Menschenbild auch für die Erziehung fruchtbar sein? Sie würde dem Blick auf den Menschen stets im Wege stehen. Eine fruchtbare Pädagogik arbeitet nicht mit Menschenbildern, sondern mit lebendigen Menschen im Hier und Jetzt.
Als Lehrer muss man dabei ständig erfinderisch sein. Der Kern der Waldorfpädagogik besteht darin, so mit Anthroposopie zu arbeiten, daß man im Hier und Jetzt mit den Kindern derart erfinderisch wird, daß dadurch den aufwachsenden Menschen die Steine aus dem Weg geräumt werden, die sie ansonsten davon abhalten, sich zu sich selbst zu entwickeln. Rudolf Steiner hat diese erfinderische Fähigkeit "pädagogische Intuition" genannt. Was er den Lehrern in den grundliegenden Vortraegen über die "Allgemeine Menschenkunde" im allgemeinen geschildert hat, wird erst voll zur fruchtbaren Pädagogik, wenn man sie lebensnah umzusetzen lernt.
Schriftliche Zeugnisse sollen ermutigen
<< Ist ein "Beurteilungszeugnis", das den Anspruch erhebt, den Charakter des Kindes und dessen Entwicklung zu beurteilen das Maß aller Dinge? Können Kinder und Jugendliche so nicht auf eine sehr viel tiefer gehende Art gedemütigt werden, als es ein nüchternes, leistungsbezogenes Notenzeugnis (und sei es noch so ungerecht) jemals vermag? >>
Sie könnten es in der Tat. Sie können aber auch viel tiefer ermutigt werden! Das Problem mit Waldorfzeugnissen ist bekanntlich eher, daß die Lehrer so bemüht sind, das Positive zu schildern ("Hans hat sich sehr angestrengt und hat große Fortschritte gemacht"), daß nicht immer deutlich genug wird, daß Hans vielleicht trotzdem noch meilenweit davon entfernt ist, das Fach zu beherrschen. Manchmal möchten die Eltern es auch nicht bemerken, wenn es tatsächlich klar im Zeugnis ausgedrückt wurde!
<< Wie ich schon ausgeführt habe, war ich eigentlich meist ein zufriedener Waldorfschüler. >>, schreibt Felix Hau. Im gleichen Atemzug spricht er aber von schriftlichen Demütigungen im Zeugnis, das Absprechen der Fähigkeit zur eigenen Willensäußerung bei Kindern, daß sich Kinder ihrer selbst schämen, "schwarzer Pädagogik", der Bedingung von Gehorsam und Anpassung. Diese Aufzählung ist sehr zutreffend für das Gegenbild der Waldorfpädagogik, also genau dasjenige, was Waldorfpädagogik nicht will. Ich frage mich: Woher kommt überhaupt dieses Vokabular? Ich möchte das gerne von Herrn Hau genauer wissen. Steht das bei Rebecca Wild oder Alice Miller, oder wirkt das in ihm von dem im ersten Beitrag zitierten Faltblatt des AKVES (Arbeitsgemeinschaft der katholischen Verbände für Erziehung und Schule) noch nach? Als "zufriedener Schüler" wird er es wohl kaum selbst erlebt haben können.
Schlechte Lehrer gibt es überall, leider auch an Waldorfschulen. Von staatlichen Schulen können sie wenigstens in die Schulverwaltung versetzt werden! So gibt es selbstverständlich auch berechtigte echte Kritik. Selbst gute Lehrer werden Fehler machen. Aber das obige Negativvokabular steht in Zusammenhang damit, daß aus gewissen Kreisen ganz bewußt versucht wird, ein Gegenbild der Waldorfschule der öffentlichen Meinung einzuimpfen. Es ist schon bemerkenswert, was in letzter Zeit unter dem viel zu schönen Wort "Kritik" an Diffamierungen auf Waldorfschule und Anthroposophie niedergeprasselt ist.
Waldorfschulen haben sich in der Vergangenheit oft wenig um Öffentlichkeitsarbeit gekümmert, so daß das Terrain dafür noch weit offen ist. Hospitanten im Unterricht belasten den Unterricht; die Lehrer sind primär für einen guten Unterricht verantwortlich; ergo keine Hospitanten. So logisch das sein mag, geht es dennoch etwas an der Wirklichkeit vorbei. Einen jährlichen Tag der offenen Tür, an dem jeder Interesent sich mit in den Unterricht setzten kann, kann dem Unterricht wahrlich keinen großen Schaden zufügen. Die direkte Wahrnehmung wirkt aber Wunder beim Auflösen von falschen Vorurteilen. Und wenn dabei auch tatsächliche Schwächen sichtbarer werden: warum sollten sie es nicht? Bewußtsein ist doch der erste Schritt zu deren Behebung. Das beste Mittel gegen üble Nachrede ist Transparenz.
Und Anthroposophie ist geschärftes Bewußtsein.
Dr. Detlef Hardorp, Berlin
P.S.: Siehe auch die von mir gestalteten Webseiten zum Thema Waldorfpädagogik unter www.waldorf.net
P.P.S.: Dieser Beitrag war völlig fertig, als er beim Abspeichern in den Datei-Himmel aufstieg. So war ich genötigt, ihn aus der Akasha Chronik wieder neu zu formulieren. Er hat dadurch leider etwas an Unmittelbarkeit eingebüßt: der unmittelbare inspirative Niederschlag ist immer lebendiger als der aus der Erinnerung wieder hervorgeholte Abglanz!
veröffentlicht seit 7. September 1997
Kontroverse (Text 6)
Es geht weiter:
Das Hauptanliegen: die Diskussion herauszuholen aus den internen Konferenzen in die (Schul-) öffentlichkeit
Felix Hau über den Gesprächsbedarf innerhalb und außerhalb der Waldorfschulen