Kontroverse (Text 4)

Ist Ehrfurcht nicht mehr als "Ehre" und "Furcht"?

Anmerkungen zu den beiden Texten von Felix Hau

 

Lieber Felix,

mit Deinen beiden Texten (Text 1 / Text 3) stellst Du viele Fragen und sprichst kaum Antworten aus. So bleiben viele Fragen offen, aber eigentlich auch nicht, denn der Leser bekommt aufgrund des rhetorischen Charakters mancher Fragen die Antwort teilweise scheinbar gleich mitgeliefert. In rhetorischen Fragen zum Ausdruck kommende differenzierte Vorwürfe verlangen vor allem dann nach differenzierten Antworten, wenn sie nicht nur von "Kennern der Materie" gelesen werden (wie bei "dieWaldorfs" der Fall: dies ist keine geschlossene Mailing-List sondern ein offenes Gesprächsforum). Fehlen die Antworten, so werden diese Vorwürfe sogleich undifferenziert, da sie nicht mehr sind als Behauptungen.

Viele Deiner Aussagen sind dazu geeignet, Widerspruch zu erzeugen. So hoffen wir, daß sich Diskussionsteilnehmer finden, welche sich die Zeit nehmen, Antworten auf Deine Fragen zu erarbeiten.

Am Ende dieses Textes haben wir einige Stellen Deiner Ausarbeitungen nocheinmal aufgeführt, deren Aussage wir für (hinter-) frag-würdig halten. Es wäre der Diskussion förderlich, wenn Du konkrete Anhaltspunkte zu Deinen Annahmen und Meinungen nennen würdest. Auch andere Gesprächsteilnehmer haben so noch einmal die Möglichkeit, anhand der aufgelisteten Punkte ihre eigene Sichtweise zu den von Dir angerissenen Themen darzustellen.

Fazit: Es ist wichtig, nicht nur Wertungen abzugeben. Dies sollte zwar ein Ziel sein, aber nicht den Weg ersetzen, der dort hinführt.

Viele Grüße von


C. Jauernig

dieWaldorfs

 

M.J. schreibt:

Du hinterfragst und diskreditierst den Begriff "Ehrfurcht", indem Du ihn auf "Ehre" und "Furcht" reduzierst. Der Begriff hat jedoch in der Waldorfpädagogik eine viel weiterreichende Bedeutung. Steiner beschreibt es als Glück für den heranwachsenden Menschen, die Anlagen zur Ehrfurcht in sich zu tragen. Er schreibt: <<Man glaube nur ja nicht, daß solche Anlagen den Keim zur Unterwürfigkeit und Sklaverei bilden. Es wird später die erst kindliche Verehrung gegenüber Menschen zur Verehrung gegenüber Wahrheit und Erkenntnis. Die Erfahrung lehrt, daß diejenigen Menschen auch am besten verstehen, das Haupt frei zu tragen, die verehren gelernt haben da, wo Verehrung am Platze ist. Und am Platze ist sie überall da, wo sie aus den Tiefen des Herzens entspringt.>> (Aus: Rudolf Steiner, "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?").

Ich habe, genauso wie die meisten meiner Klassenkameraden, zu meinem Hauptunterrichtslehrer (Klassenlehrer) echtes kindliches Vertrauen (Ehrfurcht) gehabt. Er war weder <<unerreichbar>> noch wirkte unser Verhältnis wie eine verkrampft aufrecht erhaltene Hierarchie. Und besagte "Ehrfurcht" bedeutete keineswegs, daß ich später, als ich nach der 10. Klasse auf eine staatliche Schule wechselte, nicht in der Lage gewesen wäre, meinen dortigen Lehrern selbstbewußt entgegen zu treten. Im Gegenteil: eine Befangenheit gegenüber diesen Lehrern, die über die Notengebung als Autorität schaffendes Mittel verfügten, stellte ich eher bei meinen Mitschülern fest.

veröffentlicht seit 3. September 1997

(Zum Begriff "Ehrfurcht" siehe auch Anmerkung am Fuß der Seite; 11.11.1997, die Redaktion)

Weitere diskussionswürdige Punkte aus den beiden Texten von Felix Hau:

 

 

 

 

 

Es geht weiter:

Kontroverse (Text 5)
Anthroposophie ist geschärftes Bewußtsein

Dr. Detlef Hardorp zu den Vorwürfen von Felix Hau - "Eine fruchtbare Pädagogik arbeitet nicht mit Menschenbildern, sondern mit lebendigen Menschen im Hier und Jetzt."

Achtung: Im Rahmen der "Kontroverse" führte Felix Hau in oben zitiertem Beitrag im Sommer 1997 den von Rudolf Steiner im Zusammenhang mit Pädagogik zitierten Ehrfurchtsbegriff in das Gespräch ein. Wir extrahieren sowohl diese erste Erwähnung von Felix als auch obige Reaktion von M.J. und gruppieren sie gemäß unserer neuen Richtlinien unter dem Themenbegriff "Ehrfurcht" an anderer Stelle neu, gefolgt von einem neuen Text von Felix.