Kontroverse (Text 3)

"Die zentrale Frage...: WAS ist eine der Erziehung angemessene Geisteshaltung?"

"Ist die Antwort wirklich 'Anthroposophie'?" fragt Felix Hau und präzisiert seine Kritikpunkte

 

Zunächst einmal möchte ich mich für die Reaktion an sich bedanken. Als im letzten Jahr mein Leserbrief in der Mannheimer Schulzeitung veröffentlicht wurde, gab es bedauerlicherweise keine einzige Antwort.

Die Auseinandersetzung mit der Waldorfpädagogik beschäftigt mich auch heute noch. Wie ich schon ausgeführt habe, war ich eigentlich meist ein zufriedener Waldorfschüler. Selbst die Streitigkeiten "meiner" Klasse mit dem halben Lehrerkollegium in Sachen Eurythmie habe ich nicht in schlechter Erinnerung; auch Kontroversität und Durchsetzungsfähigkeit wollen erlernt werden. Was mir zu schaffen macht, ist die Diskrepanz zwischen meinen persönlichen Erfahrungen auf der einen und Schilderungen befreundeter Schüler, eigenen Beobachtungen und postschulischer Auseinandersetzung mit dem theoretischen anthroposophischen Background auf der anderen Seite.

Natürlich gebe ich Dr. Detlef Hardorp recht, wenn er allen Schulen eine bestimmte Geisteshaltung unterstellt. Es gibt aber Unterschiede. Und die klingen ja auch im Zitat von Dr. Benediktus Hardorp an. Inwieweit reflektieren die Schulen den Hintergrund, vor dem sich ihre jeweilige Pädagogik ausbreitet? Und - genau so wichtig - wie ehrlich präsentieren sie diesen Hintergrund als Grundlage der gewählten Pädagogik? Die sogenannten "Staats-" oder "Regelschulen" mögen vielleicht ihren im Materialismus verwurzelten Ausgangspunkt nur halbgeschlossenen Auges oder gar nicht wahrnehmen. Sie erheben aber auch keinen Anspruch auf eine ganzheitliche "Erziehung". Sie präsentieren sich als Bildungsstätten, die ihre Aufgabe darin sehen, jungen Menschen während ihrer Schulzeit ein bestimmtes Maß an Wissen mitzugeben und sie auf unsere Leistungsgesellschaft vorzubereiten. Man mag über Sinn und Zweck dieser Selbstsicht streiten oder sie bedauern: In jedem Falle ist sie bekannt. Ähnlich ist es mit konfessionellen Schulen: Auch hier herrschen Bildungsauftrag und Leistungserwartung vor, ergänzt um die Vermittlung eines jedermann bekannten christlichen Weltbildes - sei es katholisch oder evangelisch geprägt.

Das ist bei den Waldorfschulen anders. Ich weiß, daß die folgende Aussage einer Behauptung gleichkommt, würde den Beleg aber gerne später in Form einer noch zu unternehmenden Untersuchung nachreichen. Ich fürchte, daß ein außerordentlich geringer Anteil von Waldorfeltern die Grundlagen des anthroposophischen Weltbildes kennt. Ich nehme sogar an, daß nicht einmal alle an Waldorfschulen tätigen Lehrer und Erzieher einen umfassenden Einblick haben. Mir ist eine Waldorferzieherin bekannt, die in ihrem ganzen zwanzigjährigen "Waldorfleben" noch nie etwas von der Akasha-Chronik gehört hat.

Neben dieser Kritik an der - meiner Ansicht nach - mangelnden Selbstreflexion stimme ich mit Dr. Detlef Hardorp überein, daß die zentrale Frage lauten muß: Was ist eine der Erziehung angemessene Geisteshaltung?

Aber ist die Antwort darauf wirklich die Anthroposophie? Ist es tatsächlich wünschenswert, daß Schule ihre Aufgabe darin sieht, Kindern nicht nur "Wissen" (was auch immer man darunter versteht) zu vermitteln, sondern einen ganz gewaltigen Einfluß auf die Gesamtpersönlichkeit der ihr anvertrauten Menschen auszuüben? Ist ein "Beurteilungszeugnis", das den Anspruch erhebt, den Charakter des Kindes und dessen Entwicklung zu beurteilen das Maß aller Dinge? Können Kinder und Jugendliche so nicht auf eine sehr viel tiefer gehende Art gedemütigt werden, als es ein nüchternes, leistungsbezogenes Notenzeugnis (und sei es noch so ungerecht) jemals vermag?

Ist eine Geisteshaltung pädagogisch angebracht, die Kindern vor Beginn des dritten Jahrsiebts nicht nur jedes Recht , sondern auch jede Fähigkeit zu eigener Willensäußerung abspricht? Werden so eigenständig denkende Menschen aus diesen Schülern? Ist es nicht ein Relikt aus Zeiten der "schwarzen Pädagogik", Verhaltensänderung darüber zu erreichen, daß Kinder sich ihrer selbst schämen?

Einer der meistbenutzten Begriffe innerhalb der waldorfspezifischen Schulerziehung ist wohl derjenige der Ehrfurcht. Ehrfurcht vor - im wahren Wortsinne - "Gott und der Welt" und den Lehrerautoritäten wird als wünschenswerteste Haltung der Kinder angesehen. Macht sich irgend jemand die Mühe, diesen Begriff einmal auf seine Bedeutung hin zu untersuchen? Mit Ehre kann heutzutage ohnehin kaum jemand noch etwas (Positives) verbinden. Mit Furcht schon. Allerdings auch nichts Positives. Kann es wirklich wahr sein, daß ehrfürchtiges "Schauen in die Welt" von kleinen Kindern kommentarlos eingefordert wird? Was daraus resultiert, ist eine Scheinwelt, eine Inthronisierung der Erwachsenen - im Speziellen der Lehrer, an der so mancher Waldorfschüler sein Leben lang zu knabbern haben dürfte. Durch die Unerreichbarkeit der schulischen Bezugspersonen, durch die - oft verkrampft wirkende - Aufrechterhaltung der Hierarchie Lehrer - Schüler und durch die in der Unterstufe ständig präsente Figur des Jesus Christus wird den "Waldorfkindern" eine Welt vermittelt, die zwar Rettung verspricht, aber nur unter der Bedingung von Gehorsam und Anpassung. Nonkonformismus im Hinblick auf die von Rudolf Steiner "gesehene" und postulierte rechte Kindheitsentwicklung ist ausgeschlossen und wird mit Heileurythmie oder - im Wiederholungsfalle - mit der Empfehlung zum Schulwechsel geahndet.

Ich hoffe, daß diese Kontroverse weitere Früchte treibt. Auch, wenn es im Anschluß an diese harsche Kritik nicht "echt" wirken mag: Ich sehe auch Positives in der Waldorfpädagogik und bin auch gerne bereit, dies hier oder an anderer Stelle detailliert auszuführen. Die Tatsache, daß Dr. Hardorp überhaupt auf den Beitrag reagiert hat, läßt mich hoffen, daß meine Befürchtung, "Waldorfs" seien nicht kritikfähig, sich als unwahr herausstellt.

Abschließend möchte ich noch auf einige Bücher hinweisen, die zu dieser Diskussion passen:

- Rudolf Steiner: Die Kunst des Erziehens. Rudolf-Steiner-Verlag Dornach/Schweiz.
- Rudolf Steiner in der Waldorfschule. Rudolf-Steiner-Verlag Dornach/Schweiz.
- Rebecca Wild: Erziehung zum Sein.
- Rebecca Wild: Kinder im Pesta.
- Alice Miller: Am Anfang war Erziehung. Suhrkamp-TB.
- Alice Miller: Du sollst nicht merken. Suhrkamp-TB.

In gespannter Erwartung weiterer Beiträge,

Felix Hau

veröffentlicht seit 27. August 1997

Es geht weiter:

Kontroverse (Text 4)
Ist Ehrfurcht nicht mehr als "Ehre" und "Furcht"?

Anmerkungen zu den beiden Texten von Felix Hau