Waldorfschule - Weltanschauungsschule?
Felix Hau verfaßte im Februar 1996 - anläßlich dreier Beiträge in einer früheren Ausgabe - einen Leserbrief an die Redaktion der "Kiesteichente" (Schulzeitung der Mannheimer Waldorfschule). Eine zum besseren Verständnis von ihm leicht überarbeitete Fassung geben wir hier wieder.
Liebe Redaktion der Kiesteichente!
Es mag vielleicht Wunder nehmen, daß ein ehemaliger Schüler - inzwischen mehr als sechs Jahre der Lernstätte am Neckarauer Waldweg entwachsen - sich immer noch ab und an zu Wort meldet, aber ich fühle mich "meiner Schule" nach wie vor verbunden, lese aufmerksam Kiesteichente (das offizielle Mitteilungsorgan der Mannheimer Waldorfbewegung - d.V.) und - so oft sich die Gelegenheit bietet - Globus (Schülerzeitung der FWS Mannheim - d. V.), freue mich über das eine und ärgere mich über das andere. Die Lektüre der letzten Entenausgabe hinterließ nun ein neues Gefühl, das vielleicht am besten mit "leichtem Unbehagen" beschrieben ist.
Um Sie nicht länger auf die Folter zu spannen: Es geht um das offensichtlich noch lange nicht ausdiskutierte Thema der "Weltanschauungsschule". Drei Beiträge beschäftigen sich im Grunde mit demselben (anthroposophischen) Thema der Selbsterziehung und Willensbildung. Der erste Beitrag ist ein Bericht zum 9. Eltern-Lehrer-Seminar 1995. Beim zweiten Beitrag ("Vorbilder in der Waldorfschule?") geht es um Angst vor Sucht und die daraus resultierende Überlegung, "zum Beispiel für einen Monat eine rauchfreie Schule durchzusetzen", um - so die Quintessenz - die Hemmschwelle zum Einstieg zu "härteren" Drogen (hier: Hasch) zu erhöhen. "Die Vorbildfunktion ist eine ungeheuer wichtige!". Der dritte Beitrag ("Versuch über die Ästhetik des Kommens und Gehens") behandelt die Untugenden Zuspätkommen und Rücksichtslosigkeit. Ich möchte gar nicht inhaltlich auf die Thematisierungen eingehen, obwohl auch das angebracht wäre, sondern auf die alles verbindende und deutlich ersichtliche Grundhaltung hinweisen, aus der heraus hier geschrieben, eventuell gehandelt und auf Veränderung hingearbeitet wird.
Im Jahr 1988 wurde von der AKVES (Arbeitsgemeinschaft der katholischen Verbände für Erziehung und Schule) ein Faltblatt herausgegeben ("Katholische Kinder in Waldorfschulen?"), das man mit Fug und Recht als - teilweise sogar diffamierende - Hetzschrift bezeichnen kann. Unter anderem wurde der Waldorfschule vorgeworfen, daß sie behaupte, "keine Weltanschauungsschule zu sein. Sie richtet jedoch ihre gesamte Erziehungs- und Bildungsarbeit darauf aus, junge Menschen zur anthroposophischen Weltsicht Rudolf Steiners zu führen". Herr Dr. Hardorp hat seinerzeit im Rahmen der Reihe "Aus der Arbeit der Freien Hochschule für Anthroposophische Pädagogik Mannheim" eine Stellungnahme verfaßt (Benediktus Hardorp: Katholische Kinder in Waldorfschulen?). Er entgegnete auf diesen Vorwurf, die Waldorfschule erziehe nicht zur anthroposophischen Weltsicht, "sondern sie erzieht aus einer solchen Welt- und Lebenssicht". Desweiteren merkte er an, daß jede Schule in gewisser Weise Weltanschauungsschule sei und man eine Unterscheidung der Schulen bestenfalls danach treffen könne, "wie weit sie die in ihnen wirksame Weltanschauung selber für sich reflektiert haben und ob sie mit dieser einen Glaubenszwang (...) auf ihre Schüler ausüben wollen oder nicht".
Was mich nun beschäftigt, ist die schmale Grenze zwischen dem Erziehen aus und dem Erziehen zu einer bestimmten Haltung. Kinder sind bis zur Pubertät sehr formbar, so daß diese Grenze m. E. völlig verschwimmt. Ich habe die Waldorfschule in Mannheim von der ersten Klasse an bis zum Abitur 1989 besucht und habe mich aus damaliger Sicht - wie auch heute im Rückblick - meist wohlgefühlt. Allerdings kenne ich auch andere Stimmen und muß meine ehemalige Einschätzung ("tolle Schule") neuerdings zunehmend relativieren. Heute glaube ich, daß unsere Klasse großes Glück hatte, immer von solchen Lehrern begleitet (ich wähle dieses Wort sehr bewußt) zu werden, die nicht allzu hehre Maßstäbe weder an sich selbst (!) noch an uns gesetzt haben. Der Anspruch, in jedem Moment des Lebens das Vernünftige und Richtige zu tun, hat auch immer einen leicht zwangsneurotischen Beigeschmack. Wo bleibt das Gefühl, die Spontaneität? Wo bleibt das Bedürfnis nach Lustgewinn und -befriedigung? Wo die sich gerade in der Schulsituation aufbauenden Aggressionen? Wie wird an Waldorfschulen mit dem jugendlichen Rebellionsbedürfnis umgegangen? Wie mit dem urmenschlichen Egoismus eines jeden von uns?
Ich habe den Verdacht, daß Anthroposophie eine sehr kopflastige Unternehmung ist. Das kann auch der bis zur zwölften Klasse zwangsvollstreckte Eurythmieunterricht nicht ausgleichen. Und - vielleicht ist erst das das wirklich Bedenkliche - die anthroposophische Pädagogik legt nicht eben viel Wert auf "eigene Köpfe", auf individuelle Weltanschauung, auf Kreativität. Das berühmte "Wahrnehmen des Individuums" verkommt in der Praxis zu einem subtilen Versuch, junge Menschen in eine bestimmte Denkbahn zu führen, auf der sie dann ihren "individuellen" Weg finden sollen.
Auf die Gefahr hin, den Rahmen zu sprengen, möchte ich noch eine Begebenheit berichten, die mir in unguter Erinnerung ist: Ich habe aus echter Betroffenheit an der Gedenkstunde zum Tod unserer Gründungslehrerin Ilse Brunotte teilgenommen. Neben ihren vielfältigen Tätigkeiten an und für unsere(r) Schule war sie nach dem Weggang unserer ersten Klassenlehrerin auch bereit, uns für das vierte Schuljahr unter ihre Fittiche zu nehmen. Ich habe sie sehr gemocht und geschätzt und bin wirklich traurig über ihren Tod. Die Feierstunde wurde von einem sehr persönlichen Rückblick Herrn Ratzels eröffnet, dem man seine Zuneigung und Ergriffenheit deutlich anmerken konnte. Irgendwann bestieg dann auch Herr von Kügelgen vom Bund der Freien Waldorfschulen das Podium, hielt eine sehr heitere Rede (so weit, so gut) und erstickte dann mit einem Satz jedes natürliche und der Situation angemessene Gefühl im Keim. Er sprach davon, daß Trauer gar nicht angemessen sei, da Frau Brunotte doch nur die materielle, leibliche Welt verlassen habe, uns aber in der geistigen Welt weiterhin zur Seite stünde. Seine Anschauung - die anthroposophische - sei ihm unbenommen. Aber ich habe an meiner Reaktion feststellen können, daß offensichtlich andere davon nicht unbeeinflußt bleiben. Ich kann mich wehren, mich kritisch mit dieser Einflußnahme auseinandersetzen. Jetzt. Konnte ich das auch in der Unterstufe? Können Kinder sich wehren gegen die Erziehung aus einer bestimmten Geisteshaltung? Haben sie eine andere Wahl, als das vorgelebte Leben tief zu verinnerlichen?
Ich denke, es wird Zeit, innerhalb der Waldorfbewegung eine kritische Diskussion über Inhalte, Hintergründe und Methoden der anthroposophischen Pädagogik zu führen, eine Diskussion, an der auch Eltern und Schüler teilnehmen können. Die Andersartigkeit der Waldorfpädagogik ist kein Thema, das man von außen kommenden Mahnern und Warnern überlassen sollte. Man läuft sonst Gefahr, dem Vorwurf "Sektengemeinschaft" zumindest hinsichtlich der mangelnden Kritikfähigkeit gefährlich nahe zu kommen.
Herzliche Grüße,
Felix Hau
veröffentlicht seit 22. August 1997
Felix Hau, geb. 1970, 1 Jahr Waldorfkindergarten, 13 Jahre Waldorfschule Mannheim, Abitur. Zivildienst in der Sozialpsychiatrie. 4 "Querbeet-Studiensemester" (Psychologie, Philosophie, Pädagogik). Danach 2 Jahre Kurierfahrer in Mannheim. Seit Oktober 1996 Studium der Ethnologie und vergleichenden Religionswissenschaften an der Uni Heidelberg.
Kontroverse (Text 2) Es antwortet Dr. Detlef Hardorp, Berlin
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"Es gibt keine 'neutrale' Erziehungsmethode"