Im Rahmen der "Kontroverse Text 4" führte Felix Hau im Sommer 1997 den von Rudolf Steiner im Zusammenhang mit Pädagogik zitierten Ehrfurchtsbegriff in das Gespräch ein. Wir extrahieren sowohl diese erste Erwähnung von Felix als auch die damals erfolgte Reaktion von M.J. und gruppieren sie an dieser Stelle neu, gefolgt von einem weiteren Text von Felix. Den neuesten Beitrag steuert Jens Prochnow bei, indem er Felix entgegnet. Zur Diskussionsteilnahme ist eingeladen!
1.) Auszug aus: "Die zentrale Frage...:WAS ist eine der Erziehung angemessene Geisteshaltung?" von Felix Hau; veröffentlicht am 27. August 1997:
"Einer der meistbenutzten Begriffe innerhalb der waldorfspezifischen Schulerziehung ist wohl derjenige der Ehrfurcht. Ehrfurcht vor - im wahren Wortsinne - "Gott und der Welt" und den Lehrerautoritäten wird als wünschenswerteste Haltung der Kinder angesehen. Macht sich irgend jemand die Mühe, diesen Begriff einmal auf seine Bedeutung hin zu untersuchen? Mit Ehre kann heutzutage ohnehin kaum jemand noch etwas (Positives) verbinden. Mit Furcht schon. Allerdings auch nichts Positives. Kann es wirklich wahr sein, daß ehrfürchtiges "Schauen in die Welt" von kleinen Kindern kommentarlos eingefordert wird? Was daraus resultiert, ist eine Scheinwelt, eine Inthronisierung der Erwachsenen - im Speziellen der Lehrer, an der so mancher Waldorfschüler sein Leben lang zu knabbern haben dürfte."
Felix Hau
2.) Ist Ehrfurcht nicht mehr als "Ehre" und "Furcht"? (M. J.'s Entgegnung auf Felix Hau's Beschreibung und Wertung des Begriffes "Ehrfurcht"; veröffentlicht am 3. September 1997
Du hinterfragst und diskreditierst den Begriff "Ehrfurcht", indem Du ihn auf "Ehre" und "Furcht" reduzierst. Der Begriff hat jedoch in der Waldorfpädagogik eine viel weiterreichende Bedeutung. Steiner beschreibt es als Glück für den heranwachsenden Menschen, die Anlagen zur Ehrfurcht in sich zu tragen. Er schreibt: <<Man glaube nur ja nicht, daß solche Anlagen den Keim zur Unterwürfigkeit und Sklaverei bilden. Es wird später die erst kindliche Verehrung gegenüber Menschen zur Verehrung gegenüber Wahrheit und Erkenntnis. Die Erfahrung lehrt, daß diejenigen Menschen auch am besten verstehen, das Haupt frei zu tragen, die verehren gelernt haben da, wo Verehrung am Platze ist. Und am Platze ist sie überall da, wo sie aus den Tiefen des Herzens entspringt.>> (Aus: Rudolf Steiner, "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?").
Ich habe, genauso wie die meisten meiner Klassenkameraden, zu meinem Hauptunterrichtslehrer (Klassenlehrer) echtes kindliches Vertrauen (Ehrfurcht) gehabt. Er war weder <<unerreichbar>> noch wirkte unser Verhältnis wie eine verkrampft aufrecht erhaltene Hierarchie. Und besagte "Ehrfurcht" bedeutete keineswegs, daß ich später, als ich nach der 10. Klasse auf eine staatliche Schule wechselte, nicht in der Lage gewesen wäre, meinen dortigen Lehrern selbstbewußt entgegen zu treten. Im Gegenteil: eine Befangenheit gegenüber diesen Lehrern, die über die Notengebung als Autorität schaffendes Mittel verfügten, stellte ich eher bei meinen Mitschülern fest.
M.J.
3.) Ehrfurcht, pro und contra. Felix Hau antwortet; Veröffentlicht am 11. November 1997
Lieber M.!
Ich möchte kurz auf Deine Ehrfurchtentgegnung antworten.
Das von Dir beschriebene und in der Beziehung zu Deinem Klassenlehrer erlebte kindliche Vertrauen finde ich in keiner Weise deplaziert oder sonst in irgendeiner Form negativ.
Vertrauen kann man nicht erzwingen; man muß es sich (auch als Erwachsener gegenüber Kindern!) verdienen. Man begibt sich zwar in diesem Akt des Vertrauens auch in eine Abhängigkeit, nicht aber unbedingt in eine hierarchische. Ich muß zu der Person meines Vertrauens nicht aufschauen, erlebe sie nicht in jeder Beziehung höherstehend oder "besser" als mich selbst, sondern habe schlicht das angenehme Gefühl, in dem anderen jemandem begegnet zu sein, der mich versteht und mag und niemals etwas zu meinem Schaden unternehmen würde.
In welchem emotionalen Umfeld hingegen Ehrfurcht angesiedelt ist, beschreibt Rudolf Steiner selbst äußerst treffend:
ãVerehrung und Ehrfurcht sind Kräfte, durch welche der Ätherleib in der richtigen Weise wächst. Und wem es unmöglich war, in der in Rede stehenden Zeit (das 2. Jahrsiebt - F.H.) zu jemandem in unbegrenzter Verehrung hinaufzuschauen, der wird dieses in seinem ganzen späteren Leben zu büßen haben. Wo diese Verehrung fehlt, verkümmern die lebendigen Kräfte des Ätherleibes. Man male sich das folgende in seiner Wirkung auf das jugendliche Gemüt aus: Einem achtjährigen Knaben wird von einer ganz besonders ehrenwerten Persönlichkeit gesprochen. Alles, was er von ihr hört, flößt ihm eine heilige Scheu ein. Es naht der Tag, wo er zum ersten Male die verehrte Persönlichkeit sehen kann. Ein Zittern der Ehrfurcht befällt ihn, da er die Klinke der Türe drückt, hinter welcher der Verehrte sichtbar werden wird... Die schönen Gefühle, die ein solches Erlebnis hervorbringt, gehören zu bleibenden Errungenschaften des Lebens. Und glücklich ist der Mensch zu preisen, der nicht nur in Feieraugenblicken des Lebens, sondern fortwährend zu seinen Lehrern und Erziehern als zu seinen selbstverständlichen Autoritäten aufzuschauen vermag".
(Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft. Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach 1992)
Wenn Steiner an anderer, von Dir zitierter Stelle schreibt: ãMan glaube nur ja nicht, daß solche Anlagen den Keim zur Unterwürfigkeit und Sklaverei bilden", dann bin ich zumindest geneigt, zu sagen, daß man hier vielleicht besser Steiner nicht glauben sollte. Jedenfalls ist das beschriebene Gefühl nicht das, was ich als kennzeichnend für eine Lehrer-Schüler-Beziehung befürworten würde.
Herzlichen Gruß,
Felix
4.) Das Selbst wächst mit schützenden Hüllen - Jens Prochnow antwortet auf Felix´Ausführungen in der Ehrfurcht-Debatte; Veröffentlicht am 5. Februar 1998
Vielleicht siehst Du den Begriff "Ehrfurcht" zu eng aus der heutigen Perspektive. Statt des zwischen zwei Menschen sich entwickenden Phänomens der "Ehrfurcht" kann man auch einfach mit dem innerhalb des erkennenden Subjektes auftetenden Impuls der "Verehrung" beginnen.
Jeder Mensch verehrt irgendeine Wesenheit, der eine eine Rockband, der andere vielleicht Rudolf Steiner oder G. W. F. Hegel. Manche sogar einen "Gott". Dieses Individualphänomen der Verehrung ist eine durchweg positive Seelenstimmung, die Steiner ja gerade beim kleinen Kind, das noch völlig Selbst-Los und Hilf-Los ist, wecken und entfesseln wollte. Aufgrund der Verehrung entwickelt sich nämlich - und nun völlig eigenständig und autonom - die Sicherheit, die eine geborgene ist.
Viele kennen vielleicht ein Beispiel aus ihrem eigenem Leben: Als Kind stellte man sich den Himmel über den Wolken vor und verbrachte Tage damit, komplizierte religiöse Fragestellungen zu durchdringen. Dann kam der Abfall von der vermeintlich errungenen Einsicht. Und dann - eine wesentlich schärfere Einsicht. Dostojewsky schrieb hierzu: "Wenn Du feststellst, das Dein Gott nicht aus Holz ist, heißt das noch lange nicht, daß es keinen Gott zu geben habe".
Die Sehnsucht nach Geborgenheit und die daraus resultierende Verehrung sind also durchaus in der Natur des Menschen angelegt. Ihre Pervertierung und völlige Bewußtlosigkeit haben Deutsche ja schmerzhaft erleben müssen. Daß Steiner in seinen vielfachen mündlichen und sicherlich nicht immer bis ins kleinste Detaill durchdachten Ausführungen hier oftmals eine Sprache anschlägt, die uns "Heutige" befremdet, ist ein guter Ansatz, sich selbst von künstlichen Schutzhüllen zu befreien - und die Geborgenheit ist eine solche künstliche Schutzhülle, ein therapeutisch-pädagogischer Prozeß, um das zu verwirklichen, was Steiner wohl am meisten am Herzen lag: Nämlich die Philosophie der Freiheit.
Damit dieser Freiheitsbegriff aber nun kein leerer-allgemeiner, sondern ein konkret-individueller ist, muß sie auch individuell erworben werden. Freiheit ist niemals das, was man geboten bekommt, sondern immer das, was man sich erwirbt resp. nimmt. Um stark zu sein für diesen Kampf mit inneren Dämonen und äußeren Widerständen - dafür soll die Waldorfpädagogik die auf das jeweilige Kindesalter zugeschnittene Hülle bieten. Damit am Ende nur noch eine Hülle bleibt: Das Selbst.
Denn gerade in der Auseinandersetzung zwischen "Bleiben und Werden" stärkt sich die menschliche Individualität in ihren Sphären. Dies unterscheidet eine echte Freiheit von einer einfach bloß herbeigeredeten.
Jens Prochnow