Astralische Duftmarke?
Jost Wagners Frage nach den Unterschieden
Es ist doch nach wie vor eine verzwickte Sache. Auch Jahre nach meiner Schulzeit passiert es mir noch, daß ich irgend jemandem begegne und nach drei vier gewechselten Sätzen schaut man sich grinsend an und sagt: "Waldorfschüler?!"
Ich habe bisher noch keine überzeugende Theorie dazu gefunden, manchmal kann ich nur lachen, manchmal finde ich es auch richtig beängstigend. Ich bin wirklich mal interessiert, welche Erklärungen andere haben, denn ich bin sicher, daß ich nicht der einzige bin, dem es so geht. Ist es so etwas wie eine astralische Duftmarke? Ich weiß nur eines gewiss: an der Turmalinkette liegt es nicht, die habe ich jetzt schon eine ganze Weile abgelegt.
Also, wer eine Theorie dazu hat, maile sie mir* doch bitte.
Man darf gespannt sein
Jost Wagner
*Anmerkung d. Redaktion:
mit Sicherheit steht Jost mit seinem geschilderten Eindruck nicht alleine da! Sergio Terelle hat in seinem Forum-Beitrag "Ich frage in letzter Zeit viel nach den Unterschieden" bereits auf dieses Phänomen hingewiesen (siehe dort!).
Ich bitte die Forumbesucher, REAKTIONen auf Josts Bemerkungen direkt an uns zu mailen, damit wir sie thematisch zuordnen können und sie für alle lesbar werden.
veröffentlicht seit 24. November 1997
Hi Jost,
bisher hast Du keine Theorie gehabt und hast "trotzdem" gemerkt, wenn der andere Waldi war. Ok, wozu brauchst Du jetzt noch eine Theorie?? Du merkst es ; damit bist Du beim Leben angekommen, warum zurück zur Theorie?? Ich finde aber die Fragerichtung enorm spannend. Die Fragerichtung ist reinrassig abendländisch. Sie zielt auf den Kopf. Wäre in Amiland ganz anders. Der Fragesteller hätte da etwa gefragt: "To hell with theory; can anybody tell me how to DO(!) it?" Hier geht die Richtung, etwas einseitig vielleicht, auf den Willen!
Olaf :-)
Olaf Andersen
veröffentlicht seit 30. Januar 1998
Ich glaube nicht, daß es eine "astralische Duftmarke" gibt. Und auch ich, ehemalige Waldorfschülerin und seit fast 6 Jahren in der "Außenwelt"(wie der Anthro jetzt sagen würde), trage keine Turmalinkette oder ähnliches. Und trotzdem hatte ich auch schon Erlebnisse, daß sich Waldorfschüler untereinander schnell als solche erkennen. So haben wir z.B. auf unserer Abschlußfahrt um 3 Uhr nachts auf einer verlassenen Straße im irischen Dublin zwei Deutsche getroffen. Und, wie es der Zufall wollte, handelte es sich um zwei Waldis, die dort ihr Sozialpraktikum absolvierten. Ins Gespräch gekommen waren wir, weil wir die anderen hatten Deutsch sprechen hören. Als Waldis erkannt haben wir sie am Begriff "Sozialpraktikum". Und genau das ist, glaube ich, meistens der Punkt. Waldis sprechen eine bestimmte Sprache. Natürlich reden die wenigsten von uns fortwährend in einem geschwollenen Anthro-Deutsch, aber gewisse Begriffe fallen einfach, die andere Menschen nicht verwenden. Ich denke da z.B. an Begriffe wie: Seelenleben, Erkenntnisweg, schicksalshaft und andere lautmalerische Worte mit denen wir groß geworden sind. Das andere Merkmal, an dem es liegen könnte, daß man sich untereinander erkennt, wird oft von Nicht-Waldis beschrieben: "Die Waldorfschüler gehen immer so aufrecht". Ob das stimmt, kann ich allerdings nicht sagen. Vielleicht strahlen wir auch eine besondere Individualität und Reife aus. Auch das wird oft von Aussenstehenden beobachtet.
Oder hat jemand eine ganz andere Theorie?
Stefanie Wagner
veröffentlicht seit 19. April 1998
Stefanie Wagner wurde 1974 in Hagen geboren und hat einen normalen, evangelischen Kindergarten in Düsseldorf besucht. 1980 wurde sie in die Freie Waldorfschule Düsseldorf eingeschult, die sie bis Juni 1992 besucht hat. Danach hat Stefanie eine Ausbildung zur Erzieherin und die Fachhochschulreife an einer Kollegschule gemacht. Seit Oktober 1995 studiert sie Sozialarbeit an der Fachhochschule Düsseldorf.
Zu Jost Wagners Frage: Sarah Melitas REAKTION
Mir geht es ähnlich. Egal wo ich hinfahre (z.B. in Urlaub) treffe ich Waldorfschüler. Man erkennt sich außerdem sofort. Es ist die Art miteinander umzugehen, denke ich!
Mich persönlich stört es nicht, weil ich bin wie ich bin.
Sarah
(FWS Gröbenzell)
veröffentlicht seit 24. November 1998
Ich will nur ganz kurz beitragen. Erstens habe ich es selber sehr oft erlebt ehemalige Waldorfschüler spontan zu erkennen, aber mehr unter jungen Leuten, nicht so sehr unter älteren Anthroposophen, wo ich bei Menschen, die eine Waldorfausbildung hinter sich hatten, nicht immer sicher sagen konnten, ob sie ehemalige Waldorfschüler waren. Für viele bedeutet die Begegnung mit der Anthroposophie eine radikale Veränderung im Leben. Gewohnheiten werden abgelegt, neue kommen dazu. Neues wird über die Welt und die Verbindung zu der eigenen Person gedacht und erfahren. Währendessen lebt und ändert sich Leib. Sehr deutliche Veränderungen geschehen bei den Eurythmiestudenten in den vier Studienjahren. Der Körper streckt sich wird aufrechter, irgendwie harmonischer und freier, die alltäglichen Bewegungen werden einem bewußter, man achtet auf seine Haltung anders als vorher, und man >sieht< sehr viel bei Mitmenschen, wenn sie sich bewegen. Waldorfschüler, ob sie es mögen oder nicht, werden mit Eurythmie fast täglich begegnet. Und auch bei ihnen haben die Bewegungen eine Wirkung. Eine Schülerin bemerkte vor zwei Jahren beim Anblick eines Fußgängers in der Stadt >der hat aber keine Eurythmie gemacht<. Sie, die absolut nicht positiv zum Fach stand, hat es spontan an seiner Haltung gemerkt. Ich will nicht die Eurythmie als DIE überzeugende Theorie verkaufen, aber sicher ändert sie unseren Sinn für Bewegungen und Körpersprache gegenüber unseren Mitmenschen. Ich habe nie erlebt dass ich einen Waldorfschüler an den besonderen Wörtern erkannte, vielmehr an seiner Ausstrahlung und Art sich zu Verhalten.
Herzliche Grüße
Hans Arden
http://home.t-online.de/home/arden/hompage.html
Hans Arden, Lindenstraße 60 A, 99428 Niedergrunstedt
Tel&Fax +49-3643-51 85 16
veröffentlicht seit 3. Februar 2000
Hans Arden, 1955 in Kopenhagen geboren, besuchte 1962-74 >Vidarskolen< in Kopenhagen. Nach vielen Umwegen Eurythmie in Hamburg studiert und nach ebenso viele krumme Wege in Weimar an der Freien Waldorfschule als Eurythmist tätig.
Ich war selber leider nicht auf der Waldorfschule, befasse mich aber aufgrund meines bald schulpflihtigen Sohnes, der jetzt in einem Waldorfkindergarten ist, damit. Ich erkenne häufig Waldorfschüler an ihren höflicheren Umgangsformen, an einem Selbstbewußtsein, an Selbstsicherheit, worauf auch sicherlich der oben beschriebene aufrechte Gang zurückzuführen ist. Waldorfschüler können sich besser ausdrücken und haben einen größeren Wortschatz als Schüler einer Regelschule.Wenn mir an diesen Dingen Waldorfschüler auffallen, wird es sicherlich bei Waldis untereinander genauso sein.
Martina Krug
veröffentlicht seit 3. Februar 2000
Ich denke, es ist ein ganz waldorf-unspezifische Phänomen: Wir nehmen Informationen von Dingen oder Menschen auf, vergleichen diese mit unseren gespeicherten Informationen und sagen "Das ist ein Baum" oder "Das ist ein Mensch, und zwar eine Frau". Wer mehr wahrnimmt und mehr Informationen gespeichert hat, kann Dinge und Personen genauer benennen. Der Laie wird vielleicht noch anhand des Blattes erkennen, dass der Baum eine Eiche ist, der Biologe wird aufgrund der Farbe des Blattes sagen können, ob es nur Herbst ist oder der Baum krank ist. Auf den Menschen bezogen heißt dass: Der Wiedererkennungseffekt wird um so eher eintreten, je mehr Informationen über den einzuordnenden Menschen gespeichert sind. Da das Wissen um die Informationen, die ein Waldorfschüler aussendet, nicht gerade Allgemeingut sind, ist es logisch, dass sich Waldorfschüler vorwiegend untereinander als solche erkennen.
Viel interessanter ist jedoch die Frage, was denn nun die spezifischen Informationen sind, die ein Waldorfschüler aussendet. Ich meine hier nicht die "harten Fakten", wie den gestrickten Flötenbeutel oder die Eurhythmieschläppchen in der Hand des durchtrainierten Fünfzehnjährigen, auch nicht den Gebrauch einer gewissen Sprache oder eine bestimmte Körperhaltung. Es muss auch weiche Fakten geben. Ich fühle mich in der Lage, bei einer Fernsehdiskussion definitiv zu sagen, wer von den Teilnehmern der Pfarrer von der katholischen und wer von der evangelischen Kirche ist, genauso, wer die Junge Union, die Jusos und die Julis vertritt. Warum weiß ich, wer sich gleich aus der Menschenmenge einer überfüllten Fußgängerzone lösen wird, um mir ein Buchclub-Abo aufzuschwatzen? Woran erkennt der Kontrolleur den Schwarzfahrer? Warum weiß auch ein atheistischer Zöllner, welche Nonne echt ist und welche unter ihrer Tracht Schmuggelgut verborgen hat? Warum könnte ich nie den Bodyguard eines Ministers mit dessen persönlichem Referenten verwechseln, selbst wenn sie beide ein breites Kreuz und kurze Haare hätten?
Meine Theorie also: Die Erziehung an einer Waldorfschule wirkt auf den Schüler und diese Wirkung trägt dieser mit sich herum, trägt sie auch nach außen. Das Geistige, das Körperliche (z. B. Sprache, Gang) sind noch leicht zu erkennen, aber die Erziehung umfasst ja auch die Seele und auch das dringt nach außen. Man mag es Aura nennen oder wie auch immer. Wer die passende Antenne hat, wird dieses Signal immer wahrnehmen und verstehen können.
Hubert Koch
Ich bin 44, war selbst kein Waldorfschüler, Vater von 4 Kindern, die alle die Waldorfschule/-Kindergarten besuchen und teilweise auch Erfahrung mit Regelschulen/-Kindergärten haben.
veröffentlicht seit 30. November
Zu Jost Wagners Frage: Jost Wagners Nachtrag, 2 Jahre später...
Es ist nun gut zwei Jahre her, daß ich meine Frage nach der astralischen Duftmarke hier "angenagelt" habe. Und in diesen zwei Jahren hat sich auch mein Lebensumfeld verändert. Ich bewege mich mittlerweile viel weniger in "anthroposophischen" Umfeldern als damals. Und vor allem an der Universität habe ich mittlerweile ganz andere Erfahrungen zu diesem Thema gemacht.
Da wird man mal wieder gefragt, warum man 13 Jahre zur Schule gegangen ist und doch nur die Mittlere Reife gemacht hat. Man beginnt rumzustottern, von wegen ich war da so auf einer besonderen Schule, nee, ne Sonderschule wars nicht :-), sondern ne Privatschule, die hieß Waldorfschule und so......... und plötzlich lacht ein das Gegenüber an und sagt: ich auch....
Das passierte mir durchgängig bei Leuten, bei denen ich das ganz und gar nicht erwartet hätte. Und auch sie "wurden" mit der freien, harmonischen Bewegung der Eurythmie "begegnet" (Übrigens Herr Ardens, eine grandisose Formulierung: "Waldorfschüler, ob sie es mögen oder nicht, werden mit Eurythmie fast täglich begegnet." Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Das ist genau die Form von "Freiheit", die ich an meiner Schule so oft erlebt habe.)
Nutzt sich die astralische Duftmarke ab? Verfällt der freie harmonische Gang mit der Zeit zum akademischen Schlurfen? Sicherlich haben meine neuern Beobachtungen mit der ermutigenden Beobachtung zu tun, daß Individuen sich in ihrer Biographie offensichtlich doch einigermaßen von ihrer Sozialisation absetzen können.
Aber auch damit, daß der freie harmonische Gang sicherlich Erziehungsziel, ganz offensichtlich aber nicht unbedingt Erziehungsergebniss von Waldorfschulen ist. Man lehne sich doch zurück und denke an die Eurythmie-Performance so mancher Monatsfeier. Ich glaube, da hätte so mancher Primatenforscher seine helle Freude daran gehabt.
veröffentlicht seit 30. November 2000