"Hallo Anspruch" - Ein Pamphlet
Jost Wagner vertieft die Frage nach dem, was Waldorfschüler ausmacht. Er bezeichnet die hochangelegte "innere Meßlatte", die die Schüler in sich durch die Waldorfpädagogik anlegen, als charakteristisch - und zugleich problematisch durch die relative Unerreichbarkeit der hehren Ideale: "Ich habe eine Menge Ideale auf der Waldorfschule gelernt. Ich wurde aber viel zu wenig gewarnt vor der geradezu unmenschlichen Dynamik, die Ideale entwickeln können, wenn man sie über den eigenen Ist-Zustand stellt."
Vor einiger Zeit habe ich auf das "Schwarze Brett' dieser Homepage (diese Rubrik ist mittlerweile weggefallen; d. Red.) eine Frage gehängt: woran erkennt man Waldorfschüler? Sicherlich nicht an der Turmalin-Kette und den Birkenstockschuhen, wer das glaubt, hat diese Schule sicher noch nie von innen gesehen. Eine andere Beobachtung hat mir da schon sehr viel besser gefallen: Viele Waldorfschüler (bestimmt nicht alle!!!) erkennt man an der inneren Meßlatte.
Hä? Woran? Ist ja schon gut, ich werde diesen Gedanken genauer ausführen.
Wenn ich auf meine Schulzeit zurück schaue, so habe ich eine Menge (kennen-)gelernt: ein hohes Menschenbild, viele Ideale, die Vorstellung einer besseren Welt. Man hat mir - und sicher auch anderen - beigebracht, die normale Weltdeutung zu hinterfragen, ich bin sehr froh über die Tatsache, daß ich einfach durch die Begegnung mit anthroposophischen Ideen mitbekommen habe, daß z.B. Darwins surviving of the fitest' nicht die einzig mögliche Betrachtungsweise der Evolution ist. Egal, was man von Steiners Ausführungen halten mag, es ist auf alle Fälle bereichernd, die Möglichkeit einer Alternative überhaupt kennengelernt zu haben. Ich habe gelernt, daß die Welt veränderbar, Gestalter ist, daß so vieles im argen liegt, daß man und damit auch ich so vieles tun müßte. Kein Wunder also, daß ich die Schule voller Tatendrang verlassen habe.
Das ich aber eine ganz wichtige Sache auf dieser Schule nur viel zu wenig gelernt habe, ist mir erst aufgefallen als ich auf der Nase lag: Die Welt und damit auch mich erst einmal so zu akzeptieren wie sie ist, wie ich bin. Da waren so viele Du mußt' in meinem Kopf, all diese Ideale stellten mir nur immer wieder eines ganz kraß vor Augen: wie unperfekt ich im Grunde doch war, wie weit entfernt von dem, was ich doch meinte sein zu müssen. Natürlich gab es da die viel beschworene Formel: Üben Üben Üben', die gerne in anthroposophischen Kreisen mit dem nötigen demütigen Augenaufschlag vorgebracht wird. Aber doch nur, um möglichst schnell dort zu sein, wo ich heute halt nicht war, weiter zu kommen im Sinne von weg zu kommen.
Wie wichtig ist es, Interesse zu entwickeln! Für was habe ich mich nicht alles interessiert bis zu dem Punkt, wo ich das Gefühl hatte, mich für nichts, aber auch gar nichts mehr interessieren zu können. Weil ich immer meinte, ich müßte mich doch eigentlich interessieren. Interesse ist schon eine eigenartige Sache. Mir ist es noch nie gelungen, es zu produzieren.
Das Denken, was für eine großartige Kraft! Blöderweise standen da immer wieder so sonderbare Gefühle im Weg, die nun aber gar nicht zu dem paßten, was das Denken in all seiner Klarheit vor mir ausbreitete. Was bleibt? Frei nach Morgensterns "weil nicht sein kann was nicht sein darf" verdrängen. Die Beziehungen zu Frauen waren lange Zeit geprägt von dem hohen Ideal einer wahren Liebe'. Natürlich gehört Sex dazu, aber doch nur als Begleiterscheinung bitte schön. Das klappt schon alles, wenn es nur gelingt, die geistige Ebene in der Beziehung zu pflegen und zu hegen. Nur blöd, daß sich meine Triebe hartnäckig jeglicher geistigen Veredelung' widersetzten. Die Folge waren Schuldgefühle, die irgendwann begannen, auch den letzten Funken von Spaß und Freude aufzufressen und damit auch jegliche Liebe. Wenn Lust sich auf bunte Abende heiteren Beisammenseins' beschränkt, sollte man seinen Körper am besten gleich zu Hause lassen.
Und schließlich das Scheitern. Alle Biographien, die ich in der Schule kennengelernt habe, waren von Menschen, die mit ihrer ganzen Kraft wunderbare Dinge vollbracht haben. Nicht einer ist mal gescheitert, ist an der Welt verzweifelt. Das Herr Goethe eine Menge scharfer und klarer Gedanken gedacht hat, das habe ich gelernt. Was für ein schwieriger Mensch er war, wieviel Menschen in seinem Umfeld massiv unter ihm gelitten haben, das habe ich erst viel später erfahren. Kein Wunder also, daß ich in Zeiten persönlichen Scheiterns in keinster Weise darauf vorbereitet war, mit dieser Grunderfahrung menschlichen Seins umzugehen.
Hatte ich nur ganz sonderbare Lehrer? Ich höre es schon wieder, was ich in so vielen Gesprächen gehört habe: Es gibt halt viele Menschen, die mit der Anthroposophie ganz falsch umgehen, die alles viel zu dogmatisch sehen. Bis mir eines Tages auffiel, daß ich diese Aussage von fast allen anthroposophisch Beleckten gehört habe, einschließlich mir selbst. Immer gab es da die anderen', die halt leider nicht wußten, wie man mit Steiners Ideen richtig umgehen kann. Was ist das für eine Weltanschauung, die man ständig vor ihren eigenen Vertretern in Schutz nehmen muß? Kann es nicht einfach sein, daß die Anthroposophie selbst dazu führt, daß sie von so vielen mißverstanden wird? Wie kommt es dazu, daß sie Menschen dazu bringt, sich freiwillig' einen Berg von Ansprüchen auf den Buckel zu laden und im Falle des Scheiterns nicht etwa den Grund in einer Überlastung zu suchen, sondern in der eigenen Unfähigkeit? Natürlich ist die Anthroposophie sehr freilassend. Aber besteht dieses Frei lassen nicht oft in dem netten Trick, den man schon im Waldorfkindergarten, sozusagen mit der Muttermilch, aufsaugen kann: Man muß nicht Stille sein, nein, man darf Stille sein?
Ich habe nach meiner Schulzeit in einigen anthroposophischen Behinderteneinrichtungen gearbeitet. Dort habe ich Menschen kennengelernt, die immer hart am Rande der völligen Überarbeitungen eine unglaubliche Energie aufgebracht haben, um dem Ideal des Zusammenlebens gerecht zu werden, das sie Lebens- oder Dorfgemeinschaft nannten. Ich ziehe aufrichtig meinen Hut vor diesen Menschen. Es hat mich aber ungemein erschrocken, wie normal dieser Zustand erlebt wurde, ja wie man schlichtweg von jedem ernstzunehmenden Mitarbeiter geradezu erwartete, an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu gehen. Diese unglaublichen Kraftanstrengungen wurden gemeinschaftsintern überhaupt nicht mehr gewürdigt, sie wurden schlichtweg als üblich', als Standart aufgefaßt. Wenn einer sagte: "ich kann nicht mehr", wurde dies durchaus akzeptiert. Wenn einer sagte "Ich will nicht mehr", wurde er entweder belächelt, oder aber des Gemeinschaftsverats bezichtigt. Natürlich nicht verbal, um Gottes Willen, aber durch die süße Blume freundlicher Anteilnahme.
Ich habe eine Menge Ideale auf der Waldorfschule gelernt. Ich wurde aber viel zu wenig gewarnt vor der gerade zu unmenschlichen Dynamik, die Ideale entwickeln können, wenn man sie über den eigenen Ist-Zustand stellt. Dies erfüllt mich bis heute noch mit großer Wut. Das ich nicht der einzige bin, dem es so geht, habe ich in Gesprächen mit anderen Ex-Waldis erfahren. Ein Kunstpädagoge hat mir einmal gesagt, er würde ehemaligen Waldorfschülern gerne oft zwei Fragen stellen: Wer verdammt noch mal hat Euch die Latte so hoch gelegt? Und wer hat Euch erzählt, daß ihr da drüber springen müßt, ihr könnt doch auch einfach drunter durchlaufen. Diese Fähigkeit des drunter durchlaufens' sollte viel mehr an Waldorfschulen unterrichtet werden.
Jost Wagner
veröffentlicht seit 19. April 1998
Jost Wagner, geb. 1971, 13 Jahre Waldorfschule, Mittlere Reife. 2 Jahre Vorpraktikas in verschiedenen anthroposophischen Heimen und Kindergärten, Waldorf-Erzieher-Ausbildung, 2 Jahre Mitarbeit in einem pädagogischen Forschungsinstitut, seit Anfang 1997 Studium der Soziologie in Berlin .
Zu Jost Wagners Beitrag "'Hallo Anspruch' - Ein Pamphlet": Felix Haus REAKTION
Was Jost in seinem Beitrag anspricht, ist im Grunde die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit. Genau dies war Thema des Einführungsvortrages von Dr. Albert Schmelzer beim Ehemaligen-Treffen vor drei Wochen an der Mannheimer Waldorfschule ("Waldorfschule zwischen Ideal und Wirklichkeit"). Da ich diesbezüglich ähnliche Gedankengänge hege, wie Jost sie in seinem Beitrag zum Ausdruck bringt, war ich auf den Vortrag außerordentlich gespannt - und wurde dementsprechend enttäuscht. Es ging nicht, wie ich erfreut erwartet hatte, um eine selbstkritische Prüfung in bezug auf die Orientierung an einem Idealbild des Menschen in der Waldorfpädagogik, sondern - fast schon im Gegenteil - um die Frage, inwieweit es dieser Pädagogik gelingt, die Waldorfschüler auch zu den anvisierten Zielen zu führen; in Josts Worten: Nicht über die Höhe der Latte wurde verhandelt, sondern über die Wirksamkeit der Maßnahmen, die zum Überspringen derselben führen sollen.
Nun beschäftige ich mich seit einige Monaten auch intensiv mit der Anthroposophie und Rudolf Steiner. Dies hat jedoch nicht - wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre - dazu geführt, daß ich Waldorfpädagogik jetzt uneingeschränkt befürworten würde. Ich begreife immer weniger, was im Namen der Anthroposophie (= "Bewußtsein des Menschentums") gerade an Waldorfschulen passiert. Das Problem liegt meines Erachtens darin, daß sich viele derjenigen Menschen, die sich als Anthroposophen bezeichnen, geradezu mit Händen und Füßen dagegen wehren, diejenigen Schriften Steiners zu lesen (wenn sie schon Steiner lesen wollen), die gemeinhin als sein Frühwerk bezeichnet werden. Ganz besonders sei hier die Philosophie der Freiheit hervorgehoben, der Steiner selbst - auch noch kurz vor seinem Tod - mehrmals absolute Priorität eingeräumt hat. Gut: Darin geht es überhaupt nicht um Engel-Hierarchien, Atlantis, Wurzelrassen und esoterische Schulungswege; vielleicht wird sie deshalb so verschmäht, weil das Bedürnis nach abgehobenem Geschwebe darin so wenig befriedigt wird. Wer aber dieses Hauptwerk Rudolf Steiners verinnerlicht hat, der wird im Grunde die über 250 anderen Bücher aus der GA (Gesamtausgabe) nicht mehr lesen müssen, um zu verstehen, was Selbst- und Welterkenntnis bedeutet:
Das Menschenleben "hat nur den Zweck und die Bestimmung, die der Mensch ihm gibt. Auf die Frage: was hat der Mensch für eine Aufgabe im Leben? kann der Monismus nur antworten: die, die er sich selbst setzt. Meine Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle. Ich trete nicht mit gebundener Marschroute meinen Lebensweg an."3
Diese Äußerungen Rudolf Steiners bewußt durchdringend, möchte ich mit Friedrich Nietzsche die waldorfbewegte Welt in leiser Ironie fragen: "Gesetzt den Fall, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? "4
Felix Hau
veröffentlicht 20. April 1998
Felix Hau, geb. 1970, 1 Jahr Waldorfkindergarten, 13 Jahre Waldorfschule Mannheim, Abitur. Zivildienst in der Sozialpsychiatrie. 4 "Querbeet-Studiensemester" (Psychologie, Philosophie, Pädagogik). Danach 2 Jahre Kurierfahrer in Mannheim. Seit Oktober 1996 Studium der Ethnologie und vergleichenden Religionswissenschaften an der Uni Heidelberg.
1: Monismus (zu griechisch mónos: allein), Alleinheitslehre; im Ggs. zum Dualismus jede philosophische oder religiöse Auffassung, die Bestand und Entstehung der Welt aus einem Stoff, einer Substanz oder einem Prinzip erklärt. Der erkenntnistheoretische Monismus, den Steiner vertrat, betont die Einheitlichkeit der Erscheinungswelt. (zurück zum Text)
2: Steiner, R. 1894/1918: Die Philosophie der Freiheit. GA 4, p. 179 (zurück zum Text)
3: Steiner, R. 1894/1918: Die Philosophie der Freiheit. GA 4, p. 186 (zurück zum Text)
4: Nietzsche, F.: Jenseits von Gut und Böse. Erstes Hauptstück, 1 (zurück zum Text)