Vom Abitur zur Integration im Berufsleben

Wie ist das mit dem Abi an der Waldorfschule?

...hatte Nina Offenberg im Gästebuch gefragt. Und außerdem: "Meine Frage ist, wie die Integration nach der Schullaufbahn aussieht". Dazu erreichte uns ein erster Kommentar von Walter Hiller, Geschäftsführer des Bundes der Freien Waldorfschulen. Platz bleibt für weitere Beiträge!

Die "Abi-Frage" ist in jedem Bundesland, den jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen entsprechend verschieden, geregelt. Fest steht jedenfalls, dass von den Schulanfängern in den Waldorfschulen ein erheblich größerer Teil diesen höchsten Abschluss erreicht als die Schüler an staatlichen Schulen. Eine Übersicht zu diesem Thema gibt das Buch "Welche Abschlüsse gibt es an Waldorfschulen?" von Dietrich Esterl, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1997.

Walter Hiller

veröffentlicht seit 27. Mai 1999

 

Was mir allerdings fehlt, das ist ein Waldorfschul-Abschluß

Christian Grauer findet, daß mehr erforderlich ist, als nur über Absolventenstatistiken nachzudenken.

Ich habe mein Abitur ("Waldorf-Abitur") in meinem Leben genau 1 Mal gebraucht: zur Einschreibung an der Uni. Was meine sonstige Alltagstauglichkeit betrifft, so kann ich einfach nicht sagen, wieviel bzw. wie wenig ich davon der Waldorfschule schulde. In erster Linie bin ich Christian Grauer und nicht Waldorfschüler. Aber die Schule hat mich nicht nur mit einem Zettel, sondern auch mit genügend Bildung entlassen, um Studieren und überleben zu können.

Was mir allerdings fehlt, das ist ein Waldorfschul-Abschluß. Ich habe zwar ein entsprechendes Dokument, doch es ist nichts wert. Statt von besseren Abschlußquoten zu seiern, die ohnehin auf viel profanere Gründe zurückführbar sind, als die besondere Pädagogik, sollte sich der Abgesandte des Bundes einmal die Frage stellen, wie weit es wohl her ist mit der Alltagstauglichkeit der Waldorfpädagogik, wenn sie sich nicht einmal selbst vertraut und keinen der Schüler entläßt, ohne ihn zuvor noch in einem einjährigen Crash-Kurs auf Staatschulformat zu bringen. Sicherlich formt die Waldorf-Pädagogik den Einzelnen in vielen Bereichen anders als jene der Staatsschulen, und das auch in unserer "modernen Gesellschaft" nicht immer nur zu Ungunsten der Alltagstauglichkeit - gesellschaftlich-politisch hat sich die Waldorfschule durch Einführung des Abiturs allerdings selbst das Licht ausgeblasen und in der Folge dieser Tat ist "Waldorf" eben innerhalb der Berufsausbildung und danach weder hinderlich noch förderlich, sondern schlichtweg keine ernstzunehmende Größe. Numerisch groß sind die Waldorfschulen aber in der Tat nicht zuletzt dank des Abiturs geworden. Wo immer "fehlende Substanz" in Waldorfschulen beklagt wird, sollte man über dieses Faktum einmal sehr genau nachdenken - genauer als über Absolventenstatistiken!

Christian Grauer

veröffentlicht seit 6. Juni 1999

 

Werden die ehemaligen Waldorfschüler benachteiligt?

Hallo liebe Waldorfs,

ich beschäftige mich erst seit gut einem halbem Jahr mit dem Thema Anthroposophie und Waldorfpädagogik.

Bezüglich der Waldorfschulen habe ich zwei Fragen:

a) Werden die ehem. Waldorfschüler bei ihrer Ausbildungsplatz /Studiumplatzsuche benachteiligt? Gibt es in der Öffentlichkeit Voruteile gegen sie?

b) Wie sehen ehem. Waldorschüler ihre Schulzeit? Fühlten sie sich eher in einer elitären Gemeinschaft gut aufgehoben oder vom der allgemeinen Gesellschaft ausgegrenzt?

Es wäre es schön, wenn viele antworten würden, da ich mich mit meinem Mann momentan in der Entscheidungsphase befinde, ob unsere Kinder die Waldorfschule besuchen oder nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Eva-Maria Wolf
Goldenbock 1
57581 Katzwinkel
Tel. 02741-8451
www.wtn-de.com
EMail: emwolf@rz-online.de

veröffentlicht seit 3. Februar 2000

Liebe Eva-Maria Wolf,
als "Vollzeit- Waldörflerin" (3 Jahre Kindergarten, 13 Jahre Schule)ist mir, mittlerweile Ärztin und Mutter von 3 Kindern, nie eine Benachteiligung begegnet. Ich bin im Studium genauso gut zurechtgekommen wie andere (das Vorurteil, Waldorfschüler hätten massive Probleme mit naturwissenschaftlichen Fächern, kann ich nicht bestätigen)

Mir ist in Gegenteil oft eine sehr breite Allgemeinbildung "bescheinigt" worden, gerade im Bereich Literatur, Kunst und Musik hielt ich immer meinen Wissensstand für "normal"- ist er wohl aber nicht. Ich fühlte mich - trotz Abwesenheit von Noten in der Schulzeit- immer fähig, mich selbst zum Lernen zu motivieren und Prioritäten zu setzen.

Das wichtigste Argument für mich, auch meine 3 Kinder in die Waldorfschule zu schicken ist: ich bin jeden Tag der 13 Jahre gern hingegangen und war ziemlich traurig, als die Sache zu Ende war! Ich habe etliche richtige Freunde aus der Schulzeit behalten, was am lange andauernden Klassenverband liegen mag.So wünsche ich mir die Schulzeit für meine Kinder!

Gruß, Anne Simmenroth-Nayda

veröffentlicht seit 31. März 2004

 

Abitur ist nichts, was sich mit dem "System Waldorf" nicht vereinen läßt...

Eva Kästner philosophiert über die "alten Zeiten"

Hallo Waldorfs,

was hat mich bloß dazu gebracht, nach Jahren Internetbenutzung eines schönen Samstag-Nachmittags einmal "Waldorfschule" als Suchbegriff einzugeben ? ich weiß es nicht, jedenfalls habe ich nicht erwartet, soviel dazu zu finden, und Euer Diskussionsforum hat mich wirklich am meisten fasziniert. In JEDEM, aber wirklich jedem Beitrag habe ich (13 Jahre Waldorfschule Nürtingen, ABI 1995) allzu Bekanntes wiedergefunden.

Zu einigen Beiträgen hätte ich gerne direkt geantwortet, leider funktionerte der "Reaktion"-Button nicht.

Grundsätzlich finde ich es faszinierend, so viele Beiträge von Leuten zu lesen, die auch ihre Schulzeit an der Waldorfschule verbracht haben, heute irgendetwas völlig anderes machen und trotzdem noch etwas gemeinsam haben. Diesen Austausch kenne ich persönlich noch gar nicht, da zu Schulzeiten kein Kontakt zu anderen Schulen bestand und ich seit dem Abi gerade mal 2 Ex-Waldorfler kennengelernt habe. Gerade dadurch, dass früher der individuelle Charakter unserer Schule so sehr betont wurde und man sich nie mit "Waldorf an sich" identifiziert hat, sondern mit der "Nürtinger Schule", ist es so faszinierend, daß wohl doch viele Waldorfler die gleichen Erfahrungen gemacht haben.

Ich versuche mal, zu den einzelnen Beiträgen zu antworten:

1. zu Nina Offenburg " wie ist das mit dem ABI...?" - bei dieser Frage musste ich richtig lachen, da dieses Thema meine Waldorfkarriere geprägt hat wie kein anderes. "1,0" stand da plötzlich bei mir auf dem Zeugnis, wie konnte das passieren ? Wo doch immer gepredigt wurde, daß Leistungsstreben unerwünscht sei, wo Noten bis kurz vor dem Ende vermieden wurden und sich wirklich KEIN Lehrer bemüht hat, besondere Fähigkeiten einzelner Schüler extra zu fördern. Ich glaube, bei mir muss da etwas schief gelaufen sein, jedenfalls hatte es in der Nürtinger Schulgeschichte so einen Ausrutscher noch nie gegeben. Zwei Punkte scheinen mir dazu wichtig: Erstens: es ist möglich ! Abitur ist nichts, was sich mit dem "System Waldorf" nicht vereinen lässt, und ein gutes Abitur zu erreichen, ist meiner Meinung nach eigentlich ein Erfolgsbeweis für die Waldorf-Pädagogik, die ja, soviel ich weiß, Eigeninitiative und Selbständigkeit so groß schreibt. Und nur durch eigene Anstrengung und Engagement hat es funktioniert. Und hier kommt schon der zweite Punkt: Die damalige Reaktion meiner Lehrer. Von Nichtbeachtung über Kopfschütteln, leiser Kritik an überzogenem Leistungsstreben und der unausgesprochenen Frage "wie konnte das passieren? am Unterricht kann es nicht liegen" reichten die Reaktionen. An Äußerungen der Anerkennung kann ich mich nicht erinnern, allerdings ist auch keiner auf die Idee gekommen, dieses "Sensationsabitur" als Erfolg der Schule anzupreisen... So bin ich mit einem relativ ernüchternden Gefühl von der Schule gegangen, schade eigentlich.

Übrigens würden mich die Erfahrungen anderer Einser-Waldorf-Abiturienten sehr interessieren, insbesondere das Verhalten der Lehrer vor und nach den Prüfungen.

Was die Integration nach der Schule angeht, nach der Nina noch fragte, habe ich nie irgendwelche Schwierigkeiten erfahren, zumal ich mit einem BWL-Studium gleich das wirklich kalte Wasser gewählt hatte. Aber auch da hat mir gerade die in den letzten Schuljahren trainierte Eigenständigkeit geholfen, die an der Uni unerlässlich ist. Heute studiere ich 2 Studiengänge gleichzeitig (davon einer sehr Waldorfschüler-geeignet, nämlich "Kulturwirt" an der Uni Passau, und BWL) habe einmal die Uni gewechselt, verschiedene Praktika und Auslandsaufenthalte hinter mir - wenn ich nicht so viele "Staatsschüler" kennen würde, die einen ähnlichen Weg gegangen sind, würde ich fast sagen, das ist ein Zeichen von "Waldorf-Flexibilität". Übrigens fällt mir bei nochmaligem Durchlesen Eurer "wie sie leiben und leben"-Rubrik die hohe Anzahl BWL-ler auf, ja sogar einen EPS-ler und einen WHU-ler habe ich entdeckt - sollte ich also doch keine Ausnahme sein ? (oder haben diese Leute einfach eher Zugang zum Internet?)

Zu D. Köhler-Käsbohrers Beitrag " Wieviel Antroposophie bleibt nach Jahren noch übrig ?":

Gegenfrage: was an mir war eigentlich jemals "antroposophisch"? Bestimmt werden mir einige "Waldis" zustimmen, daß man eigentlich noch nie so richtig erklären konnte, was Antroposophie eigentlich ist, warum man denn dann auf dieser Schule gewesen sei usw.  Im Nachhinein ärgert es mich sehr, daß wir als Schüler die antroposophischen Werte - was immer sie gewesen sein mögen - nur unterbewußt mitbekommen haben und auch in der 12. und 13. Klasse anscheinend noch als nicht reif genug angesehen wurden, einmal über Steiners Ideen und die Basisgedanken unserer Schule mit den Lehrern zu diskutieren. So kann ich das Antroposophische an mir nur im Unterschied zu "Staatsschülern" feststellen, wo ich allerdings auch meistens dem gängigen Klischee von Anderssein, nämlich irgendwie locker, nicht leistungsorientiert und ansonsten ziemlich "alternativ", nicht entspreche. Was mir allerdings durchaus immer wieder auffällt an mir ist eine größere Offenheit anderen Ideen und Lebenseinstellungen gegenüber. Und natürlich die Vertrautheit mit Handarbeiten, Holzbearbeitung, Kunst und Musik und nicht zuletzt Edelsteinen und  homöopathischer Medizin. Aber ist das  Antroposophie ? 

Tja, irgendwie hat diese halbe Stunde, die ich nun schon an diesem E-mail schreibe, etwas von therapeutischer Vergangenheitsbewältigung - wie oben schon gesagt, habe ich nach dem Abi das Kapitel Schule ziemlich aprupt abgeschlossen und wollte danach allen beweisen, daß ich es trotz Waldorf zu etwas bringen kann, was mir vermutlich gelungen ist. Aber irgendwie tut es doch gut, mal wieder über die "alten Zeiten" zu philosophieren  -  Ich würde mich freuen, wenn anderen Waldis zu meinen Gedanken der eine oder andere Kommentar einfällt.

Herzliche Grüße aus Passau,

Eva Kästner

veröffentlicht seit 3. Februar 2000

"Man taugt halt fürs Leben"

Ein humorvoller Rückblick von Ailean Carroux

Ich bin immer gerne zur Schule gegangen - die Sommerferien waren mir immer viel zu lang - und ich war eines der Kinder, das in der Schule "gelebt" hat , und zuhause ganz brav war. Jetzt , wo ich nach der Schule gleich zwei Kinder habe, wird mir gerne nachgesagt - "tüpisch Waldorfschüler" - !! Da mag wohl was dran sein , aber
man taugt halt (im wahrsten Sinne des Wortes) fürs Leben - über die Wesentlichen Dinge im Leben kann man sich ja streiten - aber zumindestens habe ich das Gefühl , von den wichtigsten Dingen schon mal gehört zu haben - vielleicht schlummern sie in einem -!?- Wie war das mit dem Lernen durch vergessen...? Und im richtigen Moment kommen sie einem dann regelrecht aus dem Bauch geschossen!

Im Grossen und Ganzen hat die Waldorfschule ein Problem der Interpretation - Der Dr. hat ja bekanntlich immer den Schluss, die Kernaussage weggelassen - damit sich die "Kräfte aus der Nacht aktivieren"...und so dichtet sich jeder seine eigene Quintessenz. Manchen wachsen ja bereits Flügel und die Aura wird farbig sichtbar -, nun genug davon - aber schön ist doch ,dass man sich immer zuhause fühlt, wie in einer grossen Familie - egal,in welcher Waldorfeinrichtung man sich befindet, oder wem man begegnet, eine gewisse Verbundenheit stellt man immer wieder fest.

"Wir kennen uns aus dem letzten Leben" - dieses Gefühl rührt sicherlich auch daher, dass im Kindergarten gerne und oft (eigentlich immer) die Geschichte erzählt wird, wie wir ja alle da oben auf den Wolken sassen, und mit den beinen Baumelten mit den roten Schuhen dran und drauf warteten, nun endlich auf die Erde kommen zu dürfen. Ein andermal mehr darüber... - Grüsse aus Hamburg - Ailean Carroux

veröffentlicht seit 30. November 2000

Waldorfabitur: die angemessensten Noten

Untersuchung der Landesregierung NRW

Die Landesregierung NRW hat eine Untersuchung zum Thema Notenangemessenheit bei Abiturprüfungen gemacht. Also welche Schulform (Gymnasium, Gesamtschule, Abendkolleg, Waldorfschule etc.), die angemessensten Noten verteilt, anders ausgedrückt, an welcher Schule wird kein Notenlifting gemacht, welche Noten in Abiturprüfungen sind die realistischten (Prüfung durch Korrektoren anderer Schulen) und siehe da, die Waldorfschulen haben am besten abgeschnitten.
Landtagsdrucksache 13/1662

MfG

Daniel Poznanski
Alte Hauptstraße 79
45289 Essen

veröffentlicht seit 12. März 2002